Kirchengemeinde Havetoft - Predigt über Hebräer 4,12-13


Predigt über Hebräer 4, 12-13

 

Gehalten am 7.02.2010 von Pastor Jörg Arndt, Havetoft

Zum Inhalt: Gott spricht - es ist gut, hinzuhören!


Der Predigttext:
 "Das Wort Gottes ist lebendig und kräftig und schärfer als jedes zweischneidige Schwert, und dringt durch, bis es scheidet Seele und Geist, auch Mark und Bein, und ist ein Richter der Gedanken und Sinne des Herzens. Und kein Geschöpf ist vor ihm verborgen, sondern es ist alles bloß und aufgedeckt vor den Augen Gottes, dem wir Rechenschaft geben müssen."

(Hebr. 4. 12-13, Luther 1984)


- Längeres Schweigen -

 

Es ist schon ein blödes Gefühl, wenn man darauf wartet, dass jemand etwas sagt, und dann kommt da nichts. Manche kennen das aus ihrem Alltag und meistens ist es eine unangenehme Erfahrung.

Es gibt ja Menschen, die das Schweigen als Waffe einsetzen. Wenn sie sich über einen anderen ärgern, dann reden sie einfach nicht mehr mit ihm. Sendepause. Und sie wissen genau, dass sie den anderen damit treffen, weil er sehnsüchtig auf ein Wort wartet. Das ist meistens eine ziemlich üble Situation, auch für Außenstehende. Ich denke an Eheleute, zwischen denen frostiges Schweigen herrscht, an Eltern, die nicht mehr mit ihren Kindern reden, an Freunde, die sich nichts mehr zu sagen haben. Das kann weh tun. In solchen Situationen merken wir besonders deutlich, wie wichtig Worte für uns sind.

Wir Menschen sind kommunikative Wesen, das heißt, es gehört zu unserem Leben dazu, dass wir uns anderen mitteilen. Wir brauchen jemanden, der mit uns redet und wir brauchen jemanden, mit dem wir reden können, einen, der uns versteht, einen der uns zuhört. Das ist fast genauso wichtig wie essen und schlafen. Und wenn denn gerade kein Mensch in der Nähe ist, der einem zuhört, dann redet man eben mit seinem Hund oder mit seinem Pferd oder mit seinem Kuscheltier. Viele tun das. Der Vorteil ist, dass diese Kameraden einen ausreden lassen. Und sie sagen auch nichts weiter.

Es gehört zu unserem Menschsein hinzu, dass wir uns anderen mitteilen. Das kann auf ganz verschiedene Weise geschehen: durch Sprechen, durch Schreiben - was wäre die Welt ohne SMS, SchülerVz oder ICQ - aber auch durch Gestik: wenn einer so macht (an die Stirn tippen), weiß jeder sofort, was gemeint ist. Man kann dafür sogar gerichtlich belangt werden. Auch durch Mimik können wir uns verständigen. Wenn einer den anderen fragt, "Na, wie ist denn deine Mathearbeit gelaufen" und der andere macht ein entgeistertes Gesicht, dann weiß der Fragende genau Bescheid.

Wir können auch durch Taten reden. Es gibt so einen netten alten Schlager, von einem Mann, der im Bus fährt. Unterwegs erzählt er einem Mitreisenden, dass er auf dem Weg zu seiner Geliebten ist. Und weil er sich unsicher war, ob sie ihn noch liebt, hat er ihr geschrieben, dass sie als Zeichen ihrer Liebe ein gelbes Tuch in den Baum vor ihrem Haus hängen soll. Er würde, wenn er kein Tuch sieht, gleich im Bus sitzen bleiben und wieder weg fahren. Das Fahrtziel kommt näher, die Spannung steigt, der Bus biegt um die letzte Kurve, man kann das Haus der Geliebten schon sehen - und der ganze Baum ist voller gelber Tücher. Eine klare Botschaft.

Also: Wir Menschen sind kommunikative Wesen, wir haben viele Arten zu reden - und wir können gar nicht nicht kommunizieren. Das geht nicht. Auch wenn wir schweigen, bringen wir damit etwas zum Ausdruck. Von Gott gilt das Gleiche. Die Bibel sagt uns, dass auch er ein kommunikatives Wesen ist. Und auch er hat viele Arten zu reden.

Wenn es anders wäre, dann könnte das Thema des heutigen Gottesdienstes nicht "das Wort Gottes" lauten, denn wenn Gott nicht sprechen würde, gäbe es logischerweise auch kein Wort Gottes.

Wenn Gott nicht kommunizieren würde, dann wäre er völlig uninteressant für uns. Was hätten wir davon, wenn es irgendwo ein Gott gäbe, er aber nicht mit uns in Verbindung träte, sondern still für sich im Weltall herum schwebte? Gar nichts! Von dem wüssten wir noch nicht einmal, weil wir ihn ja nicht sehen können. Wenn er sich uns nicht mitteilt, haben wir keine Chance, ihn zu erkennen. Wir brauchen sein Wort.

Und mehr noch: Ohne sein Wort würde überhaupt nichts existieren, denn die ganze Welt ist eine Selbstmitteilung Gottes. Die ganze Welt ist ein Kunstwerk, die auf einen unglaublich intelligenten Künstler hindeutet, der sich da zum Ausdruck gebracht hat.

Die Bibel erzählt uns, dass die ganze Schöpfung daraus entstanden ist, dass Gott gesprochen hat. Gott sprach: "Es werde Licht" - und es ward Licht. Gott sprach: es soll Leben auf der Erde entstehen - und es entstand Leben. Gott spricht und Dinge geschehen. Sein Wort hat schöpferische Kraft. Das finde ich das eigentlich Faszinierende am Glauben: dass wir es mit einem Gott zu tun haben, der mit uns kommuniziert. Bis heute. Man kann das erleben! Und das macht das Leben mit Gott so spannend.

Nun gibt es das Wort Gottes in unterschiedlichen Gestalten. Man kann es mit dem Wasser vergleichen. Bekanntlich existiert Wasser in drei verschiedenen Aggregatzuständen: Flüssig, fest und gasförmig. So ist das beim Wort Gottes auch: Der erste Aggregatzustand, das Flüssige, ist das Wort, das unmittelbar von Gott gesprochen und von Menschen wahrgenommen wird: das kennen wir von den biblischen Propheten. In der Bibel finden wir in dem Zusammenhang oft den Ausdruck: "Und das Wort Gottes geschah" - die Propheten haben sich das nicht ausgesucht. Das knallte hinein in ihr Leben und war durchaus nicht immer angenehm. Jeremias zum Beispiel, der hat gelitten unter seinem Auftrag. Er sollte seinem Volk den Zorn Gottes übermitteln, und wollte das eigentlich gar nicht, aber er konnte nicht anders, denn das Wort Gottes war eingebrochen in sein Leben und dem konnte er sich nicht entziehen.

Dann haben wir als nächstes die Schrift. Wir nennen die Bibel ja auch "das Wort Gottes". Sie ist sozusagen der feste Aggregatzustand. Da haben die Menschen aufgeschrieben, was sie mit Gott erlebt oder von ihm gehört haben.

Und das dritte - sozusagen das Gasförmige - das haben wir da, wo Gott  durch seinen heiligen Geist die Worte, die in der Bibel stehen, für einen Menschen ganz persönlich aktualisiert. Vielleicht kennt ihr das: Du liest einen Bibelvers und hast den Eindruck, dass er nur für dich und deine Situation geschrieben wurde. Der knallt geradezu in dein Leben hinein. Oder du hörst eine Predigt und wirst das Gefühl nicht los, dass der Pastor nur über dich redet. Auch das ist Wort Gottes.

Und diese drei Aggregatzustände gehören unbedingt zusammen. Ohne dass Menschen auf Gott gehört hätten, gäbe es keine Bibel - wären die Prophetien nicht aufgeschrieben worden, wären sie längst vergessen. Schrift ohne Geist wäre eine ziemlich langweilige und tote Angelegenheit und Geist ohne Schrift wäre Schwärmertum - der Willkür und dem Irrtum wären Tür und Tor geöffnet.

Der erste Zugang zu Gottes Wort ist für uns die Bibel, von der wir im heutigen Predigttext gehört haben: "Das Wort Gottes ist lebendig und kräftig und schärfer als jedes zweischneidige Schwert".

Das klingt gefährlich. Und das ist es auch. Aber hier ist nicht gemeint "Hände weg, sonst schneidest du dich", sondern im Gegenteil. Wir sollen uns dem Wort Gottes aussetzen. Wir haben es am letzten Sonntag schon gehört, wo Paulus das Leben des Christen mit dem eines Sportlers verglichen hat. Wenn der Läufer im Wettkampf gewinnen möchte, dann muss er regelmäßig trainieren und auf vieles verzichten. Wenn wir im Glauben wachsen wollen, wenn wir Gott besser kennenlernen möchten, dann geht es nur, indem wir uns dem Wort Gottes aussetzen - im Gottesdienst und im persönlichen Bibelstudium.

Nun ist das mit der Bibel so eine Sache. Man kann sie nicht einfach hintereinander weg lesen wie einen Roman. Es ist ein altes Buch mit einer ungewohnten Sprache, die Konfis wissen, dass es auch gar nicht so ganz einfach ist, sich in der Bibel zurechtzufinden, die Stellen zu finden, die einem der Pastor da sagt - aber wir sollen sie auch gar nicht lesen wie einen Roman.

Das Beste ist, wir besorgen uns eine Übersetzung, die einigermaßen verständlich ist - davon gibt es viele, im Buchladen wird man uns da gerne beraten - und nehmen uns dann jeden Tag nur einen kleinen Abschnitt vor. Aber wir versuchen, beim Lesen mit Gott ins Gespräch zu kommen, ihn zu fragen: "Was willst du damit sagen? Was hat das mit meinem Leben zu tun? Möchtest du, dass ich da etwas verändere?" Und es wird nicht lange dauern, bis die Sache in Fluss kommt.

Das ist nicht immer angenehm! Mark Twain wurde mal gefragt, wie er mit den Stellen in der Bibel zurecht käme, die er nicht versteht und er soll geantwortet haben: "Viel mehr Probleme machen mir die, die ich verstehe!"

Zwei Männer sind zur Kur in einer Rheumaklinik. Jeden Morgen bekommen sie Massagen. Der eine stöhnt und ächzt dabei, die Behandlung ist ziemlich schmerzhaft. Der andere bleibt ruhig und entspannt. Schließlich sagt der eine zum anderen: also ich bewundere, wie sie das aushalten. Bei mir tut das immer höllisch weh, wenn der Masseur mich in die Mangel nimmt. Naja, sagt der andere, ich bin ja auch nicht so dumm und lass ihn an mein krankes Bein heran. Ich strecke ihm immer das Gesunde hin.

So kann man das natürlich auch machen, aber die Behandlung wird nicht viel bringen. Ebenso ergeht es Menschen, die sich auf die Bibelverse konzentrieren, die ihnen gut tun. Sicher, es ist schön zu wissen, dass Gott da ist und uns behütet und beschützt und all diese Dinge - aber wir dürfen die beunruhigenden Verse nicht außer Acht lassen, die messerscharfen, diejenigen, die uns in Frage stellen und gerade dadurch auch weiter bringen.

Zum Beispiel dieser:

"Wer den Sohn hat, der hat das Leben; wer den Sohn Gottes nicht hat, der hat das Leben nicht." (1.Joh 5,12)  Habe ich das Leben? Habe ich den Sohn Gottes? Spielt er die zentrale Rolle bei mir?

"Jesus sagt: Es werden nicht alle, die zu mir sagen: Herr, Herr! in das Himmelreich kommen, sondern die den Willen tun meines Vaters im Himmel." (Mt 7,21)

Tue ich Gottes Willen? Oder ist meine Beziehung zu Jesus eher oberflächlich? Bin ich vielleicht hauptsächlich daran interessiert, meinen eigenen Willen durchzusetzen, und Gott soll mir dann dabei helfen?

"Niemand kann zwei Herren dienen: entweder er wird den einen hassen und den andern lieben, oder er wird an dem einen hängen und den andern verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon"(Mt 6,24) - ist mein Verhältnis zum Geld angemessen, oder lasse ich mich gefangen nehmen von meinen Finanzen?

"Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, so wird euch euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben" (Mt 6,15) - wie sieht es denn aus mit meiner Vergebungsbereitschaft? Wie rachsüchtig, wie nachtragend kann ich sein?

Wir spüren die Schärfe. Aber wir spüren auch, dass wir das brauchen. Ohne das würden wir uns nicht weiter entwickeln.

Der Punkt ist: wir könnten zwar hier auf Erden diesen Fragen entkommen. Das geht ganz einfach. Wir brauchten einfach die Bibel nicht zu lesen und nicht in die Kirche zu gehen. Dann hätten wir Ruhe vor Gottes Wort. Oder wir gehen doch hin, aber hören nicht zu. Oder wir hören zwar zu, aber beziehen es nicht auf uns, nach dem Motto: "Herr Pastor, das war eine tolle Predigt. Was sie da über den Hochmut gesagt haben, dass passt so 100%ig auf meinen Nachbarn - schade, dass er nicht da war." Oder wir beziehen es zwar auf uns, aber lassen es nicht zu Konsequenzen kommen. "Ja, ich weiß, ich sollte mich ändern, aber ich kann oder will es gerade nicht". Oder wir nehmen uns zwar Veränderungen vor, aber haben es an der Kirchentür schon wieder vergessen.

Aber alle diese Versuche sind so ähnlich wie der, dem Therapeuten das gesunde Bein entgegen zu strecken. Kurzfristig erspart es Schmerzen, aber langfristig wird die Krankheit nicht besser. Nebenbei führt es dazu, dass unser christlicher Glaube nach außen so wenig überzeugend wirkt.

Die Schrift sagt, dass wir eines Tages unser Leben vor Gott zu verantworten haben. Dann wird es keine Möglichkeit mehr geben, ihm auszuweichen. Wohl dem, der sich schon zur Lebzeiten, wo er noch etwas verändern kann, seinem Wort aussetzt. Wohl dem, der Gott gestattet, in sein Leben hinein zu sprechen und mit der heilsamen Kraft seines Wortes zu wirken; wohl dem, der bereit ist zu hören und bereit ist, anzunehmen, denn der wird merken: es gibt nicht nur das Unangenehme, das uns in Frage stellt. Hinter all dem steht die überwältigende Liebe Gottes.

Denn Gott ist die Liebe - gerade auch da, wo er uns mit unangenehmen Wahrheiten konfrontiert.

Amen


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