Kirchengemeinde Havetoft - Predigt über 2. Korinther 1, 3-7


Predigt über 2. Korinther 1, 3-7

 

Gehalten am 14.03.2010 von Pastor Jörg Arndt, Havetoft

(Mitschrift der gesprochenen Predigt)

Zum Inhalt: Gott nimmt das Leid nicht weg, aber er trägt hindurch.


Der Predigttext:

Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der Vater der Barmherzigkeit und Gott allen Trostes, der uns tröstet in aller unserer Trübsal, damit wir auch trösten können, die in allerlei Trübsal sind, mit dem Trost, mit dem wir selber getröstet werden von Gott. Denn wie die Leiden Christi reichlich über uns kommen, so werden wir auch reichlich getröstet durch Christus. Haben wir aber Trübsal, so geschieht es euch zu Trost und Heil. Haben wir Trost, so geschieht es zu eurem Trost, der sich wirksam erweist, wenn ihr mit Geduld dieselben Leiden ertragt, die auch wir leiden. Und unsre Hoffnung steht fest für euch, weil wir wissen: wie ihr an den Leiden teilhabt, so werdet ihr auch am Trost teilhaben.  (2.Korinter 1,3-7)



 

Es kann jeden treffen und es kann unglaublich schnell gehen. Buchstäblich von einer Sekunde auf die andere kann eine schlimme Nachricht unser Leben total umkrempeln und uns den Boden unter den Füßen weg reißen.

Etwa die Nachricht von dem Tod eines geliebten Menschen. Ganz plötzlich. Verkehrsunfall. Eben hat man noch miteinander gesprochen und jetzt ist er weg. Unwiderruflich.

Die unerwartete Kündigung. Du hast ein Haus gekauft und dachtest, dass du bis zur Rente in deinem Betrieb arbeiten könntest. Und nun bekommst Du die Nachricht, dass deine Firma verkauft wurde und du selbstverständlich gerne mit nach Karlsruhe gehen kannst, es aber ansonsten für dich keine Zukunft mehr gibt.

Oder der Arzt, der dir erzählt, dass diese undefinierbaren Kopfschmerzen von einem schnell wachsenden Tumor herrühren.

Oder der Ehepartner, der sich von einem Tag auf den anderen entschließt, das gemeinsame Leben aufzugeben, weil er sich unsterblich in einen anderen verliebt hat.

Unser Leben steckt voller Risiken. Und wenn uns einer dieser "Schicksalsschläge" ereilt, dann brauchen wir Trost. Aber wie kann der aussehen? Es ist gar nicht einfach, einen anderen Menschen zu trösten. Dag Hammarskjöld hat gesagt: "Wer nie gelitten hat, weiß auch nicht, wie man tröstet". Trösten brauchte Tiefe. So ein oberflächliches: "Ach, das wird schon wieder" verletzt oft mehr, als dass es hilft - aber was will man jemanden sagen, der in einer schweren Krise steckt?

Und so erleben denn ja auch viele Trauernde oder Geschiedene oder Kranke, dass ihre Freunde mit einem Mal ausbleiben. Sie sind verunsichert, wissen nicht was sie sagen sollen, sie sind mit der Situation überfordert und drücken sich davor - so dass die Leidenden im Endeffekt alleine stehen.

Wirklicher Trost ist etwas sehr intimes. Wirklicher Trost lebt aus der Gemeinschaft mit anderen Menschen; oft von Berührungen. Es ist ja manchmal viel besser, einen anderen einfach mal in den Arm zu nehmen und zu schweigen, als vor lauter Hilflosigkeit Floskeln von sich zu geben.

Und Trost lebt von der Erlaubnis, Gefühle zulassen zu dürfen. Ich darf verzweifelt sein, ich darf traurig sein, ich darf hoffnungslos sein, ich darf zornig sein und dabei wissen, dass neben mir einer steht, der mich hält. Einer, der mich hindurch begleitet, und der für mich glaubt und der für mich hofft und der für mich betet, weil ich selber das in dieser Situation nicht mehr tun kann. Gesegnet ist derjenige, der einem anderen Menschen diesen Dienst erweist.

Und früher oder später wird dabei unweigerlich auch Gott ins Spiel kommen. Der Gott, der so weit weg ist, und das alles zugelassen hat, oder auch der Gott, der auf wunderbare Weise anwesend ist und Trost schenkt.

Leiden kann Glauben vertiefen, ebenso wie es dem Unglauben vertiefen kann.

Bei dem schweren Erdbeben im Januar in Haiti, bei dem hunderttausende ums Leben gekommen sind und mindestens ebenso viele alles verloren haben, was sie besaßen, war in deutschen Internetforen immer wieder zu lesen: "Was ist das für ein Gott, der das zulässt? Wie kann man angesichts solch einer Katastrophe noch an Gott glauben?" In der Regel haben das Leute geschrieben, die auch vorher nichts mit dem Glauben anzufangen wussten.

Interessanterweise hat man aus Haiti selber ganz andere Töne gehört: Da wurden inmitten der Trümmer Dankgottesdienste abgehalten von denjenigen, die mit dem Leben davon gekommen waren. Da haben Menschen vor laufenden Kameras davon gesprochen, wie wichtig ihnen gerade in dieser Situation ihr Glaube ist und dass Jesus das einzige ist, was ihnen noch geblieben ist, und dass er ihnen Trost schenkt.

"In dir ist Freude, in allem Leide" - das, was wir eben gesungen haben, beschreibt diese Erfahrung. Dass man mitten in der Finsternis die tragende Kraft Gottes spürt.

Es gibt ja leider keine schlüssige Erklärung für die Finsternis. Wir können nicht recht greifen, inwieweit Gott selber in diese Dinge involviert ist. Letztlich ist so ein Erdbeben nichts als reine Physik. Es ist ein geologisches Phänomen, das wir recht gut erforscht haben und erklären können.

Die meisten Flugzeugabstürze lassen sich im Nachhinein auf technisches oder menschliches Versagen zurückzuführen.

Oder Amokläufer, die durchdrehen und Menschen umbringen, so wie in Winnenden vor einem Jahr - da haben sich der Täter und auch sein Umfeld oft schon längst vorher ganz bewusst von Gott abgewandt und es ist sehr schwierig, ihm im Nachhinein die Verantwortung dafür zu zuschieben.

Die Frage, warum Gott das alles zulässt, greift ins Leere.

Gott ist nicht der große Marionettenspieler, der mal hier und mal da die Fäden zieht, und er hat den Menschen nicht die Freiheit gegeben, um sie ihnen jedes Mal dann wieder abzunehmen, wenn sie zu unliebsamen Konsequenzen führen. Und er hat auch die Naturgesetze nicht geschaffen, um sie jedes Mal dann wieder außer Kraft zu setzen, wenn sie Unheil bringen.

Natürlich gibt es das auch. Die Bibel berichtet von Wundern, berichtet davon, dass auch Naturgesetze kurzzeitig außer Kraft gesetzt werden - aber in der Regel steckt in solchen Fällen ein höheres geistliches Gesetz dahinter. Da haben Menschen geglaubt und gebetet, da hat Gott richtungsweisend in die Geschichte eingegriffen, da hat der Sohn Gottes ein Machtwort gesprochen - so etwas passiert, auch heute noch, aber es ist die Ausnahme. Sonst würden wir nicht von Wundern sprechen, sondern von einem neuen Naturgesetz.

Natürlich gibt es auch Wunder im Einklang mit Naturgesetzen. Gerade in der letzten Woche hat mir jemand erzählt, wie er einen schweren Unfall wunderbarer Weise heil überstanden hat. Ein Schneepflug hat das Auto mit voller Kraft in die Seite gerammt, das Autos ist ins Schleudern gekommen und dann an einem Schild hängen geblieben, und die Polizei war überrascht davon, dass beide Insassen ohne einen Kratzer davon gekommen sind. Zufall? Wunder? Auf jeden Fall kann man Gott dafür danken.

Mitten in Haiti werden Menschen auf wunderbare Weise aus den Trümmern ihrer Häuser unverletzt geborgen. Sie danken Gott für dieses Wunder. Es ist auch richtig, Gott dafür zu danken, aber es ist in keiner Weise einklagbar. Gott ist kein Airbag, der bei einem Unfall gefälligst zu funktionieren hat. Es ist eine ganz schwierige Frage, die uns da heute Morgen in den Weg gelegt wird.

Ich weiß nicht, wie viel Ihnen von der Epistel noch im Ohr ist. Wir haben sie am Dienstag im Hauskreis gelesen und besprochen und haben darüber gestöhnt, wie kompliziert sich Paulus da ausdrückt - aber eines wird auf jeden Fall deutlich: Paulus spricht vom Trost. Er spricht vom barmherzigen Gott und vom Vater allen Trostes, der in der Trübsal tröstet, und er spricht davon, dass man den Trost, den man selber empfängt, auch an andere weitergeben kann.

Aber eins tut er nicht: Er klagt Gott mit keiner Silbe an. Dabei sind die Schwierigkeiten, in denen Paulus steckt, nicht ohne. Und sie sind von ganz besonderer Qualität: Es geht nämlich um Repressalien, die er und seine Mitarbeiter deswegen aushalten müssen, weil sie an Jesus glauben. Sie wurden unzählige Male verprügelt, gefoltert, ins Gefängnis geworfen, mit Steinen beschmissen, von Räubern überfallen... - Also hätte Paulus wirklich allen Grund zu sagen: "Sag mal Gott, warum ist das so? Ich arbeite doch für dich? Alles was ich tue, tue ich für dein Reich, also warum passt du nicht besser auf mich als deinen Mitarbeiter auf? Ich glaube, ich werde kündigen. Ich suche mir einen anderen Gott, oder werde Atheist, dann werde ich wenigstens nicht enttäuscht."

Kein Wort davon. Sondern Paulus akzeptiert die Tatsache, dass er leiden muss. Christus hat gelitten, und er selbst muss auch leiden, und das ist eben so. Er sucht sich das nicht aus, natürlich würde er lieber nicht leiden, und er verliert auch manchmal den Mut. Einige Verse später beschreibt er, wie er in einer Situation war, die ihm so schlimm zugesetzt hat, dass er dachte, das war's jetzt, jetzt muss er sterben. Aus, Schluss, vorbei, Ende.

Aber in alldem weiß er sich getragen von Gottes Hand. Er macht nicht den Fehler, Gott vor Gericht zu stellen, als würde dieser ihm ein glückliches Leben schulden, denn solche Anklagen führen nicht weiter. Natürlich, wenn man belastet ist, kann es helfen, zu schreien. Dann kann es helfen, auch Gott einmal den Schmerz und den Zorn und die Enttäuschung ins Gesicht zu schreien. Das hält er aus.

Wir haben viele Beispiele in den Psalmen, wo Beter in dieser Weise mit Gott sprechen. Aber alle diese Klagepsalmen haben eine Gemeinsamkeit: Es gibt darin eine Knickstelle, wo das Klagen umschlägt in einen neuen Ausdruck von Vertrauen; wo der Beter wieder zum Vertrauen auf Gott zurückgekehrt, nachdem er seiner Verzweiflung tüchtig Luft gemacht hat. Und dann erleben die Psalmbeter genauso wie die biblischen Propheten, genauso wie Jesus, genauso wie Paulus, genauso wie die Märtyrer damals und heute immer wieder das gleiche Wunder: Dass Gott ihnen Trost schenkt. Mitten in der Verfolgung, mitten in der Krankheit, mitten in der Katastrophe ist er da.

Er nimmt die Situation nicht weg. Er mutet uns unser persönliches Kreuz zu, aber er lässt uns damit nicht alleine. Er hilft uns tragen. Und er schenkt uns einen so überschwänglichen Trost, dass wir als Leidende sogar noch andere Menschen trösten können. So groß ist unser Gott, so groß ist seine Liebe zu uns, dass er uns mitten in der Finsternis mit seiner Gegenwart beschenkt.

Man kann das nicht machen. Man kann es nicht herbeireden. Man kann es höchstens für einen Leidenden im Gebet erbitten und kann es als Betroffener dankbar annehmen.

Ich wünsche niemandem von uns, dass er leiden muss, natürlich nicht, aber weil die Erfahrung von Leid manchmal zum Leben dazu gehört, wünsche ich uns, dass Gott uns seine Nähe schenkt, wenn wir durch die Dunkelheit müssen.

Ich habe im Internet ein Gebet gefunden, das mich sehr berührt hat. Es stammt von einem krebskranken Mädchen, das im Alter von 16 Jahren folgendes geschrieben hat:

Für die Inseln der Trauer mitten im Meer von Leid danke ich dir, Herr, mein Gott. Du führst mich durch unwegsame Schluchten und ich bin dennoch behütet. Meine Kraft ist längst erschöpft, aber du trägst mich hindurch. Nicht dass die Stimmen des Misstrauens und sich Auflehnens in meinem Herzen verstummt wären. Aber ich weiß, dass sie Unrecht haben. Sie verlieren ihre Macht, wenn ich deine Stimme erhorche. Du sagst zu mir: "Fürchte dich nicht, ich dein Gott verlasse dich nicht!"

Lobpreisen will ich dich für alle Treue. Ich erfahre, was Verzweiflung heißt. Aber gleichermaßen umgibt mich das Geheimnis des Getröstet seins, auch wenn die Finsternis noch wächst. Sie ist nicht die einzige Wirklichkeit in meinem Leben. Wenn meine Augen vertraut geworden sind mit der Dunkelheit, kann ich wahrnehmen, dass immer noch Licht einfällt.

Du schenkst mir Menschen, die sich meiner Klage nicht verschließen, die für mich einstehen vor dir. Du hältst mir Brot und Wein bereit und umarmst mich im heiligen Mahl. Mein Herz darf ich ausschütten vor dir. Du hilfst mir, dass ich nicht versinke in Selbstmitleid, sondern teilnehmen kann an fremder Trauer.

Beides lässt du wachsen in mir, die Fähigkeit zu leiden und die Fähigkeit zu lieben. Du befreist mich von dem Drang, hier und jetzt den Sinn erkennen zu wollen. Herr, mein Gott, ich lobpreise dich, denn ich weiß, am Ende wird alle Klage von mir abfallen.

Am Ende wirst du alles Erlittene verwandeln in Freude.

Amen.


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