Predigt über Hebräer 5, 7-9
Gehalten am 21.03.2010 von Pastor Jörg Arndt, Havetoft
Zum Inhalt: Jesus beruft uns zum Gehorsam
Der Predigttext:
Christus hat in den Tagen seines irdischen Lebens
Bitten und Flehen mit lautem Schreien und mit Tränen dem dargebracht, der ihn
vom Tod erretten konnte; und er ist auch erhört worden, weil er Gott in Ehren
hielt. So hat er, obwohl er Gottes Sohn war, doch an dem, was er litt, Gehorsam
gelernt. Und als er vollendet war, ist er für alle, die ihm gehorsam sind, der
Urheber des ewigen Heils geworden. (Hebräer 5, 7-9)
Gehorsam ist eine Tugend, die uns in unserer Zeit mit
guten Gründen eher verdächtig als erstrebenswert erscheint. Vor 100 Jahren war
das anders. Da galt Gehorsam als wichtiges Gut. Es wurden Soldaten gebraucht,
die gehorchen und nicht denken sollten. Der Kaiser wollte treue und folgsame
Untertanen, und das begann schon in den Familien bei der Erziehung der Kinder. Vater
und Mutter wurden mit "Sie" angeredet, sie waren unhinterfragbare Autoritäten
und die Kinder hatten zu schweigen und das zu tun, was ihnen aufgetragen wurde.
Die zwei Weltkriege zeigten, dass blinder Gehorsam eine
sehr zweischneidige Sache ist, und so kam die Zeit der antiautoritären
Erziehung. Heute ist das Pendel in die andere Richtung ausgeschlagen, und wir
treffen immer häufiger auf Eltern, die in Sachen Erziehung völlig verunsichert
sind. Sie trauen sich kaum, Autorität auszuüben, wagen es nicht, ihren Kindern
Grenzen zu setzen und am häufigsten hört man von ihnen den Satz "das soll mein Kind
selbst entscheiden". Die Freiheit des Einzelnen ist unser höchstes Gut. Das
heißt, an die Stelle des braven Deutschen, der nur seine Befehle ausführt, ohne
groß darüber nachzudenken, ist heute der Egoist getreten, der sich in erste
Linie um seine eigenen Bedürfnisse kümmert. Wie man sieht, kann man auf zwei
Seiten vom Pferd fallen.
Im heutigen Predigttext ist gleich zweimal vom Gehorsam die
Rede. Zum einen geht es um den Gehorsam, den der Sohn Gottes lernen musste -
das allein ist ja schon ein merkwürdiger Gedanke: wieso musste er Gehorsam
lernen? Ich komme später darauf zurück - und dann ist da die Rede von denen,
denen er das ewige Heil schenkt, das sind nämlich diejenigen, die ihm gehorsam
sind.
Um es gleich vorwegzunehmen, der Gehorsam, von dem hier
die Rede ist, hat wenig mit dem Ideal der Kaiserzeit zu tun. Es geht hier nicht
um dressierte Kinder, die mit Schlägen gefügig gemacht werden und sich nicht
trauen, aufzumucken, und die dann selber zu Folterern und Schlägern werden,
sobald sich die Gelegenheit dazu bietet.
Wenn Gott diesen sogenannten Kadavergehorsam von uns
gewollt hätte, dann hätte er die Menschen anders konstruieren können. Er hätte
uns gleich als Marionetten erschaffen können oder als eine Art von Robotern,
die nur das tun, wozu sie programmiert wurden. Das hat er aber nicht. Stattdessen
hat er uns zu Menschen gemacht, die eine freie Entscheidung treffen können und
hat uns zugleich seine Gebote gegeben, in denen er uns sagt, wie wir handeln
sollen.
Aber er zwingt uns nicht, sie zu halten. Wenn du dich
entschließt, zu klauen oder zu töten oder die Ehe zu brechen, dann wird keine große
Hand aus dem Himmel herunterkommen und dich daran hindern. Es wird auch kein
Blitz aus dem Himmel schießen und dich zur Strafe einäschern. Wir haben die
Freiheit zu sündigen, auch wenn das bedeutet, dass andere Menschen unter
unserem Handeln leiden müssen.
Natürlich hat unser Tun Konsequenzen. Sünde zerstört.
Sie hat verheerende Auswirkungen in unserem Umfeld und wird früher oder später
auf uns selbst zurückschlagen. Und was das Schlimmste ist: Sünde trennt von
Gott. Du kannst nicht gleichzeitig an einer Sünde festhalten und an Gott. Du
musst eine Entscheidung treffen. Aber wie diese Entscheidung ausfällt, ist
allein deine Sache. Wir haben die Freiheit zu wählen - Gehorsam gegenüber Gott
und sein Gebot oder unser Eigensinn.
Hier gibt es keinen Mittelweg. Die größte Versuchung
besteht darin, Gott irgendwelche faulen Kompromisse unterzujubeln. Aber das
funktioniert nicht, auch wenn wir es gerne möchten. Wenn einer sagt: "Ich klaue
jetzt nur noch bei reichen Leuten und von allem gebe ich 10 Prozent an die Mission",
dann ist das ein fauler Kompromiss und wird nicht funktionieren.
Man könnte das jetzt an jedem einzelnen Gebot durch
deklinieren. Aber ich denke, das Prinzip ist klar geworden. Ein halber Christ
ist eine fürchterliche Sache. Da fehlt die Begeisterung. Er hat keine
Ausstrahlung, hat nichts Ansteckendes. Und für die Ewigkeit reicht es auch
nicht. Dann soll er lieber ein fröhlicher Heide sein und munter drauflos
sündigen und sein Leben genießen, als so einen Eiertanz zu veranstalten. Jesus
will Gehorsam, er will Hingabe, er will ganze Sache.
Wir müssen also eine Entscheidung treffen und das hat Konsequenzen.
Wenn ich mich für den Gehorsam entscheide, dann heißt das vielleicht, dass ich eine
sündige Beziehung aufgeben muss. Dann heißt es vielleicht, dass ich den Kontakt
zu einem Menschen abbrechen muss, der mir nicht gut tut. Dann heißt es
vielleicht, dass ich mehr Steuern zahlen muss, weil Ehrlichkeit Geld kostet. Dann
heißt es vielleicht, dass ich meine Beliebtheit aufs Spiel setze, weil ich
nicht mehr alles mitmache, was andere so tun. Vielleicht musst du dich als
prüde Zicke bezeichnen lassen, weil du dir deine Jungfräulichkeit bewahren
will, oder als Langweiler, weil du die Finger von Drogen lässt oder als Streber,
weil Du dir in der Schule Mühe gibst. Aber das ist eben der Preis.
Entscheidest du dich gegen den Gehorsam, dann wird es
dir vermutlich erst einmal ganz gut gehen, du schwimmst fröhlich mit im Strom
- aber aufs Ganze gesehen, treibst du am Ziel deines Lebens vorbei. Irgendwann
wirst du feststellen, dass deine vermeintliche Freiheit gar keine Freiheit war,
sondern dass du zum Sklaven deiner eigenen Triebe oder der Meinungen anderer
Menschen geworden bist - und dass dir irgendwie das Wichtigste im Leben abhanden
gekommen ist. Es fühlt sich alles so hohl und leer an. Wer dazu berufen ist,
mit Gott zu leben, der kann ohne ihn nicht glücklich sein.
Christsein heißt also, in dieser Beziehung eine klare
Entscheidung getroffen zu haben. Ich will Jesus folgen. Ich will in erster
Linie ihm gefallen.
Das klappt nicht immer, schließlich bin ich nur ein
Mensch. Es gibt Versuchungen, es gibt die menschliche Schwäche und immer mal
wieder stelle ich fest, dass ich von meinem Weg abgekommen bin und Buße tun
muss. Aber die grundsätzliche Richtung steht fest. Ich gehöre Jesus, ich gehorche
Jesus, ich lebe nach seinem Wort. Und zwar freiwillig. Nicht aus Angst vor
Strafe und Hölle. Nicht weil mir meine Erziehung keine andere Wahl lassen
würde, sondern aus Liebe. Weil er den ersten Schritt gemacht hat. Weil er für
mich in den Tod gegangen ist. Weil er, wie es im Predigttext heißt, für mich
zum Urheber des ewigen Heils geworden ist. Weil er für mich gelitten hat, weil
er für meine Sünden bezahlt hat, ist er es wert, dass ich ihm folge.
Übrigens macht das für mich gefühlsmäßig einen großen
Unterschied, ob ich sage: "Ich halte mich an Gottes Gebote" oder ob ich sage: "Ich
folge Jesus", auch wenn es im Endeffekt auf dasselbe hinausläuft. Aber Gebote
haben etwas Starres. Man kann sie abhaken.
Ich muss öfter mal daran denken, wir hatten im letzten
Jahr einen "Goofy" vorbereitet, mit Band und einem tollen Theaterstück, mit
vielen guten Ideen, und wollten dazu die Konfirmanden einladen. Aber einige
sagten mir: "Wieso soll ich kommen, ich war doch schon 15 mal in der Kirche?!".
Abgehakt.
"Liebst du deine Frau?" - "Naja, ich habe sie noch nie
betrogen und sie bekommt an jedem ersten des Monats Blumen von mir. Dafür habe
ich extra für 15? ein Abonnement beim Blumenladen abgeschlossen." Abgehakt. Das
war nicht die Frage!
"Glaubst du an Gott?" - "Naja, was kann der schon von
mir wollen, ich habe mir nie etwas zu Schulden kommen lassen! Ich habe alle
seine Gebote gehalten!"
Gott will Liebe, er will Hingabe! Aber zugegeben, an dieser
Stelle wird es etwas abstrakt. Gott ist ein unendlich großes Wesen, er ist
unendlich mächtig und irgendwie auch fremd.
Aber Jesus war ein Mensch wie ich. Er hat geatmet,
gegessen, geschlafen, gelacht und geweint. Er hat sogar gebetet. Er war ein
Mensch! Und gleichzeitig war er mehr als ein Mensch. Es hat niemals jemand auf
Erden gelebt, der ein innigeres Verhältnis zu Gott hatte als er. Und er hatte
eine besondere Aufgabe. Er war der von Gott gesandte Erlöser. Er sollte uns
klarmachen, dass Gott uns ein guter Vater sein will und er sollte für die
Sünden der Menschen am Kreuz zu büßen. Das war sein vorbestimmter Weg. Und sein
Gehorsam bestand darin, diesen Weg auch zu gehen.
Und wenn es hier heißt, dass der Sohn Gottes Gehorsams
lernen musste, dann bedeutet das, dass es alles andere als selbstverständlich
war. Wie für uns alle, hat es auch für Jesus zentrale Stationen in seinem Leben
gegeben, an denen er Weichen stellen musste, die über den Rest seines Lebens bestimmt
haben. Einige dieser Stationen kennen wir aus den Evangelien.
Ganz berühmt ist seine Begegnung mit dem Teufel in der
Wüste (Matthäus 4), der ihn massiv auf die Probe stellt. Als erstes versucht er
ihn bei seinen körperlichen Bedürfnissen zu packen. Jesus hat lange Zeit
gefastet und ist natürlich hungrig. Also macht der Teufel ihm den Vorschlag,
die Steine um ihn herum in Brot zu verwandeln. "Komm schon, was ist denn schon
dabei, du hast Hunger und niemand wird es sehen! Du hast doch die Macht, also
nutze sie auch!" Der Trick bestand darin, Jesus zu etwas zu bringen, das nicht
mit dem Vater abgesprochen war. Jesus musste sich entscheiden zwischen dem
Gehorsam zu seinem Vater und seinem Hunger.
Andere Menschen würde der Teufel vielleicht an einem
anderen Punkt angreifen. Etwa bei ihrer Sexualität. "Komm, klick doch diese Pornoseite
an, es sieht ja keiner...". Aber Jesus hat widerstanden.
Ein anderes Angebot, das der Teufel Jesus gemacht hat,
setzte bei seinem Bedürfnis nach Anerkennung und Bewunderung an. Auch auf
diesem Feld hat er gewöhnlich eine reiche Ernte. Was tun wir nicht alles dafür,
um von anderen anerkannt und bewundert zu werden! Er bot Jesus an, ihn zu einem
großen König zu machen. Alle Reichtümer der Welt sollten ihm gehören. Das
einzige was er dafür tun musste, war vor dem Teufel nieder zu knien und ihn
anzubeten. Niemand würde das mitbekommen draußen in der Wüste. Nur ein kleiner
Deal, und er hätte ein reiches Leben und würde sich den Gang ans Kreuz
ersparen. Aber Jesus hat die Weiche gestellt und gesagt: "Nein, ich folge Gott!"
Und er hat sich ein Leben ausgesucht, das sich wohl keiner freiwillig aussuchen
würde, der die Wahl dazu hat. Ein Leben in Armut, ein Leben mit Verfolgung,
dazu Leiden und den Tod am Kreuz.
Eine andere wichtige Station im Leben Jesu war die Nacht
vor seiner Verhaftung. Die Bibel erzählt uns, dass er mit Gott im Gebet
gerungen hat. Er hat geweint und gefleht. Die Angst vor dem Kreuz war in dieser
Nacht übermächtig.
Ich glaube, dass es nicht einmal die furchtbaren
Schmerzen waren, vor denen ihm graute. Viele Menschen haben schon die
schlimmsten Foltern um ihres Glaubens willen ertragen und haben dabei erlebt,
dass Gott sie hindurch getragen hat, dass er ihnen übermenschliche Kräfte
schenkt.
Aber das was wovor Jesus wirklich Angst hatte, war viel
schlimmer als der körperliche Schmerz. Ihn erwartete die totale Trennung von
Gott.
Als er am Kreuz gebetet hat "Mein Gott, mein Gott, warum
hast du mich verlassen?" - war das nicht nur ein Zitat aus Psalm 22. Es war in
diesem Moment für Jesus eine furchtbare Realität. Denn in dem Augenblick, in
dem er am Kreuz hing, in dem Augenblick, in dem Gott die Sünden der ganzen Welt
auf seine Schultern gelegt hat, ist er ein von Gott Getrennter und Verfluchter
geworden. Gottes Zorn und Ekel über die Sünde trafen ihn in diesem Moment mit
voller Wucht.
Dort am Kreuz hängt ein Kinderschänder, ein
Massenmörder, ein Vergewaltiger, ein brutaler Terrorist, ein gewissenloser Betrüger,
ein scheinheiliger Lügner, ein Dieb, ein Ehebrecher - da hängt der ganze Dreck
der Menschheit auf einem Haufen. Und das kostet Jesus die Gemeinschaft mit dem
Vater. Du kannst nicht gleichzeitig an der Sünde festhalten und an Gott. Du
musst dich entscheiden. Und Jesus hat sich in diesem Moment um Gottes Willen
für die Sünde entschieden. Er hat sie angenommen, er hat sie getragen, er hat
mit seinem Blut dafür bezahlt. Und er ist buchstäblich durch die Hölle
gegangen, damit wir mit dem Vater versöhnt werden.
Und ich finde, jemand der das für mich tut, der hat
Anspruch darauf, dass ich ihm folge. Und einem solchen Menschen gehorche ich
gerne.
Jesus ist nicht in diese Welt gekommen, um sich dienen
zu lassen, sondern um sein Leben hinzugeben und anderen zu dienen. Und das
möchte er auch von denen, die ihm folgen.
Wer ihm folgt, spürt mehr und mehr, wie sich sein Blick
für andere Menschen öffnet. Jesus möchte uns herausholen aus den Kreisen um uns
selbst. "Meine Probleme, meine Krankheiten, meine Sorgen, mein Geld, meine
Pläne, meine Familie, meine Bedürfnisse, meine Hobbys..." - Die Spirale wird
immer enger. Jesus möchte, dass wir da herauskommen. Dass wir andere Menschen
wahrnehmen. Dass wir uns für andere Menschen einsetzen.
Und wenn wir das tun, spüren wir, wie gut das tut. Wir erleben,
dass plötzlich Weite in unser Leben hinein kommt und dass andere Menschen durch
uns aufgebaut werden. Gott möchte uns als Werkzeug in dieser Welt einsetzen. Um
sein Reich zu bauen, um Menschen zu erlösen, um das Licht in diesem Leben triumphieren
zu lassen. Und er möchte in unserem Leben damit anfangen.
Amen
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