Kirchengemeinde Havetoft - Predigt über 2.Korinther 5,19-21


Predigt über 2.Korinther 5,19-21

 

Gehalten am 02.04.2010 von Pastor Jörg Arndt, Havetoft

Zum Inhalt: Lass' dich mit Gott versöhnen!



In uns Menschen steckt eine tiefe Sehnsucht nach Gott. Trotz aller Aufklärung, trotz aller wissenschaftlichen Fortschritte zeigt sich der Mensch als unheilbar religiös. Und das ist keinesfalls nur eine Sache der Kirchen. Gerade in der heutigen Zeit gibt es viele fantasievolle religiöse Lehren, die bewusst nichts mit der Kirche zu tun haben wollen. Sie fabulieren sich etwas zusammen von Engelwesen, vergangenen Leben und dem untergegangenen Atlantis, packen den Menschen bei seiner religiösen Sehnsucht, und gaukeln ihm vor, sie könnten etwas für ihn tun. Weiterhelfen können sie langfristig natürlich nicht, aber mittelfristig lassen sich viele Anhänger gewinnen.

Letztlich leben alle religiösen Systeme davon, dass man Gott nicht sehen oder beweisen kann. Darum kann man im Prinzip jede Fantasie als Wahrheit verkaufen, es kommt nur darauf an, möglichst überzeugend aufzutreten und möglichst viele Anhänger zu gewinnen, die der Glaubenslehre folgen, denn wirklich überprüfen lässt sich das Gesagte ohnehin nicht.

Angenommen, es wäre anders. Angenommen, man könnte Gott sehen, könnte mit ihm von Angesicht zu Angesicht sprechen. Angenommen, Gott würde menschliche Gestalt annehmen und der Menschheit einen Besuch abstatten. Das müsste doch die Erfüllung all unserer religiösen Sehnsüchte sein! Die Menschen müssten doch in Scharen zu ihm kommen, um ihm zu begegnen!

Die Bibel erzählt, dass Gott genau das getan hat. Er ist Mensch geworden. Aber sie erzählt auch, dass die Menschen ihn alles andere als freundlich aufgenommen haben.

Sie haben ihn umgebracht, weil er nicht in ihr religiöses Konzept passte.

Sie haben ihn umgebracht, weil er ihnen Angst machte.

Sie haben ihn umgebracht, weil er sie hinterfragt hat.

Sie haben ihn umgebracht, weil er die öffentliche Ordnung gestört hat.

Sie haben ihn umgebracht, weil er sich der irdischen Autorität nicht beugen wollte und sich nicht beherrschen ließ.

Sie haben ihn umgebracht, weil er so erschreckend lebendig war und das Verborgene ans Licht brachte.

Später haben es sich die Menschen dann sehr einfach gemacht. Sie sagten: "Die Juden sind schuld. Sie sind die Heilandsmörder". Zur Strafe brachten sie dann die Juden um, als wenn das irgendetwas ändern würde.

Dort am Kreuz offenbart sich die Feindschaft der Menschen Gott gegenüber. Bei all seiner religiösen Sehnsucht will der Mensch nämlich im Grunde vom lebendigen Gott nichts wissen. Er vertraut lieber auf selbstgemachte Götzen, die ihm ein gutes Gefühl geben und ihm letztlich zu Willen sind. Im Grunde seines Herzens ist der Mensch ein Rebell, der sich von Gott nichts vorschreiben lassen möchte, sondern der selbst bestimmen will, was für ihn gut ist und was nicht. Jedes noch so gut gemeinte Gebot weckt automatisch die Lust, es zu brechen.

Daran erinnert das Kreuz.

Und deswegen möchte der Mensch es am liebsten aus dem Leben verdrängen.

Noch steht der Karfreitag unter strengem Schutz. Es sollen an diesem Tag weder Sportwettkämpfe noch Tanzveranstaltungen stattfinden. Aber ich glaube kaum, dass außer von den offiziellen Kirchen allzu viel Protest zu hören wäre, wenn man diese Bestimmungen lockerte. Solange dieser Tag nur arbeitsfrei bleibt, ist es dem Durchschnittsdeutschen ziemlich egal, was damit passiert.

Nach dem Willen der europäischen Union sollen Kreuze aus Klassenzimmern und Gerichtssälen entfernt werden - angeblich im Namen der Toleranz, damit sich niemand daran stören kann. Aber die Kreuze sollen ja stören. Dafür hängen sie da. Sie sollen rufen: Lasst euch versöhnen mit Gott! Der, der dort hängt, der so Unsägliches gelitten hat, den man blutig geschlagen und zu Tode gefoltert hat, der hat das für dich getan!

Wenn dir das wirklich klar ist, dann muss das Auswirkungen auf dein Leben haben. Du kannst nicht einfach zur Tagesordnung übergehen und so tun, als wäre Jesus nicht am Kreuz gestorben.

Nein, das stimmt so nicht. Natürlich kann man einfach zur Tagesordnung übergehen und das, was da am Kreuz von Golgatha geschehen ist, ignorieren. Tausende machen das, reduzieren die Osterfeiertage auf Familienbesuche und Eiersuchen. Aber es hat wenig Sinn, zu denen zu sprechen, die heute nicht hier sind. Wir, die wir hier sind, sind eingeladen, auf den heutigen Predigttext zu hören, der im zweiten Korintherbrief Kapitel 5 steht:

Paulus schreibt: "Denn Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung. So sind wir nun Botschafter an Christi Statt, denn Gott ermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi Statt: Lasst euch versöhnen mit Gott! Denn er hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht, damit wir in ihm die Gerechtigkeit würden, die vor Gott gilt." (2. Kor 5,19-21)

Die Leiden, die Jesus auf sich genommen hat, um das Erlösungswerk auszuführen, waren schrecklich. Ein religiöses Gericht hat ihn zum Tode verurteilt, weil er wahrheitsgemäß zugegeben hat, dass er der Christus ist, der Sohn Gottes. Selbst ausführen durfte dieses Gericht das Urteil nicht, dafür brauchte man die Hilfe der Römer, die das Land besetzt hielten. So kam Pilatus ins Spiel, der römische Statthalter, der für die Provinz Juda zuständig war. Eigentlich war er davon überzeugt, dass Jesus ein Unschuldiger war. Eigentlich hätte er ihn laufen lassen müssen. Aber er war durch und durch Politiker und um das Wohlwollen der Bevölkerung bemüht. Und auf ein Opfer mehr oder weniger kam es dann auch nicht mehr an. Und so warf er das Lamm den Wölfen zum Fraß vor.

Die Soldaten hatten ihren Spaß, sie schlugen Jesus zusammen, zerpeitschten ihm den Rücken mit der römischen Geißel - das war nicht nur eine einfache Peitsche, sondern ein ganzes Bündel von Lederriemen, an deren Ende kleine Metallstückchen befestigt waren, die dem Opfer fürchterliche Wunden beibrachten. Mit solch einem Instrument kann man einen Menschen umbringen. Aber die Römer hatten genug Erfahrung, um rechtzeitig aufzuhören. Schließlich wollten sie noch länger ihren Spaß haben. Fernsehen und Computerspiele gab es noch nicht, sie mussten ihren Blutdurst noch mit echten Menschen stillen.

Und ihr Sadismus ging noch weiter. Irgendwie hatten sie mitbekommen, dass Jesus von einigen als König bezeichnet wurde. Also beschlossen sie, den Gefolterten zu verspotten. Sie zogen ihm einen roten Mantel über, setzten ihm eine Krone aus zentimeterlangen Dornen auf den Kopf und fielen vor ihm auf die Knie. Alles begleitet vom brüllenden Gelächter ihrer Kameraden.

Schließlich wurde es Zeit, sich auf den Weg zur Hinrichtungsstätte zu begeben. Jesus wurde gezwungen, den schweren Kreuzesbalken auf seinen zerfetzten Rücken zu laden und ihn durch die Straßen der Stadt zu schleppen, die von johlenden Menschen gesäumt waren. Bespuckt hat man ihn. Ausgelacht. Schimpfworte nachgerufen.

Es ist kaum vorstellbar, wie allein Jesus sich in diesem Moment gefühlt haben muss - aber Gott war ja bei ihm und hat ihn gestärkt. Noch. Allerdings wusste Jesus, dass selbst Gott ihn verlassen würde. Und das war der Moment, den er am meisten gefürchtet hat.

Die Folterungen waren schlimm. Es war schlimm, als die Soldaten ihn vor sich her trieben, bis er nicht mehr konnte und unter der Last des Kreuzbalkens zusammengebrochen ist. Er war so entkräftet, dass selbst die aufmunternden Fußtritte nicht mehr halfen. Einer aus der gaffenden Menge musste einspringen und den Balken für Jesus zur Hinrichtungsstätte tragen. Wir wissen sogar seinen Namen. Es war Simon von Kyrene, das ist eine Stadt in Libyen, also in Nordafrika.

Als sie dann die Hinrichtungsstätte endlich erreicht hatten - es handelte sich um eine Art Mülldeponie vor den Toren der Stadt - da haben sie ihm seine Kleider weggenommen und ihn in aller Öffentlichkeit an ein Kreuz genagelt. Auf die Idee muss man erst einmal kommen, einem anderen Menschen lange Nägel durch Hände und Füße zu treiben und zwar so, dass keine wichtige Ader verletzt wurde. Der Gekreuzigte sollte ja nicht in wenigen Minuten verbluten, der sollte sich lange quälen und schließlich qualvoll ersticken. Die Kreuzigung war zur Abschreckung gedacht. Terroristen wurden gekreuzigt. Widerstandskämpfer gegen das Römische Reich. Schlimme Verbrecher. Aber das alles war nicht das Schlimmste. Nicht die furchtbaren Schmerzen, nicht das Hohngelächter der Menge, nicht einmal die sengenden Sonne und der Durst und die Insekten, die der Gekreuzigte nicht mehr verscheuchen konnte.

Das Schlimmste war der Moment in dem, wie Paulus schreibt, "der, der von keiner Sünde wusste, zu Sünde gemacht wurde". Der Moment, in dem das unschuldige Opferlamm die Sünde der Welt auferlegt bekam. Der Moment, als aus dem Gottessohn, der sein Leben lang den Willen des Vaters befolgt hat, ein Verfluchter wurde.

Wer schon einmal die Gegenwart Gottes in seinem Leben gespürt hat, der weiß, wie schlimm es ist, wenn man auf Abwege gerät, wenn man sich in Sünde verstrickt, und diese Gegenwart verliert. Die Nähe Gottes macht süchtig. Für Jesus, der nie in seinem Leben gesündigt hat - so schwer das für uns auch vorstellbar ist - war die Gegenwart Gottes 1000mal intensiver als wir sie kennen. "Ich und der Vater sind eins", konnte er sagen. Das hat ihn getragen. Das hat ihn ausgemacht. Dafür hat er gelebt. Und plötzlich war es weg.

Der Heilige Gott und die Sünde, das passt nicht zusammen. Entweder das eine oder das andere. Und nun hing hier am Kreuz die ganze Schuld der Welt. Alles. Aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Von bösen Gedanken angefangen, weiter über böse Worte, Diebstähle, Betrug, Ehebruch, sexueller Missbrauch, Vergewaltigung, Mord, Abgötterei, bis hin zur Ermordung ungezählter Juden in den Gaskammern der Nazis.

Man kann sich nicht vorstellen, was für eine ungeheure Last auf diesem Menschen gelegen hat. Mitunter scheint uns ja schon die Last unserer eigenen Sünde beinahe zu erdrücken. Jesus hat es getragen. Er ist selbst zur Sünde geworden und ist daran elendig verreckt.

Die Römer waren überrascht, dass er schon tot war. Normalerweise halten die Gekreuzigten länger durch. Aber Jesus ist nicht durch die Folter gestorben. Er wurde erdrückt von der Last unserer Sünde. Lasst euch versöhnen mit Gott!

Was  hier am Kreuz von Golgatha geschehen ist, gilt ausnahmslos jedem Menschen. Jesus hat das für alle Menschen getan, egal wie groß oder klein ihre Schuld ist. Egal wann und wo sie auf diesem Planeten leben. Sie alle können Befreiung bei ihm finden.

Aber es ist kein Automatismus. Jesus hat die Sünde nicht abgeschafft. Sein Leiden heißt nicht, dass künftig jeder machen kann was er will und anschließend automatisch in den Himmel kommt, egal was er getan hat, weil Jesus für ihn bezahlt hat. Sondern es ist ein Angebot.

Lasst euch versöhnen mit Gott. Das heißt: Wer mit Gott ins Reine kommen möchte, für den ist gesorgt. Wer unter seiner Sünde leidet, wer ein besserer Mensch werden will, für den ist gesorgt. Wer niedergedrückt ist, weil ihm klar wurde, dass nichts von dem, was er getan hat, je ungeschehen gemacht werden kann, wer die Last seiner Schuld spürt und sich danach sehnt, sie abzugeben, für den ist gesorgt. Er ist befreit zu einem neuen Anfang mit Gott.

Versöhnung, das ist die Einladung zur neuen Gemeinschaft mit dem Schöpfer des Himmels und der Erden, das ist der Ruf heraus aus der Gottesvergessenheit.

Lasst euch versöhnen mit Gott, das heißt auch: Bestrafe dich nicht länger selbst. Konzentriere dich auf das, was vor dir liegt und lass dich nicht von deiner Vergangenheit zermürben. Jesus hat deine Sünde getragen. Es macht keinen Sinn, wenn du sie auch noch trägst.

Auch wenn es in uns eine Stimme gibt, die das alles viel zu einfach findet: Nimm Gottes Angebot an. Bring ihm deine Schuld, sprich sie vor ihm aus, beschönige nichts - aber dann lass sie auch am Kreuz. Jesus möchte, dass du frei bist. Nur dafür ist er diesen schweren Weg gegangen.

Amen


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