Kirchengemeinde Havetoft - Predigt zur Hubertusmesse 2010


Predigt zur Hubertusmesse 2010

 

Gehalten am 06.11.2010 anläßlich einer Hubertusmesse von Pastor Jörg Arndt, Havetoft
(Niederschrift der gesprochenen Predigt)


Zum Inhalt: Hubertus, die Jagd und das neue Leben in Christus.





Ich weiß noch genau, wie Dieter Held mich fragte, ob ich mir vorstellen könne, in Havetoft eine Hubertusmesse auszurichten. Es war tiefster Winter, und er schaufelte sich gerade durch eine mannshohe Schneewehe, die direkt vor seiner Einfahrt lag. Ich habe mich gefreut, gefragt zu werden und spontan zugesagt, allerdings habe ich nicht so richtig gewusst, worauf ich mich da eigentlich einlasse. Dieses hier ist die erste Hubertusmesse, die ich überhaupt erlebe. Ich dachte, es handle sich dabei um eine kleine Andacht mit den Havetofter Jägern, aber das ist ja dann doch etwas größer geworden...

Als ich mich etwas näher mit dem Thema beschäftigt habe, wurde mir schnell klar, dass die Hubertusmesse innerhalb der evangelischen Kirche eine recht umstrittene Angelegenheit ist. Und das gleich aus mehreren Gründen: Zum einen haben wir Evangelischen es traditionell ja nun überhaupt nicht mit den Heiligen und mit Messen. Zum anderen geht es dabei um ein heikles Thema: Es geht um das Töten von Tieren - und man liest, dass es mancherorts sogar zu energischen Demonstrationen von Naturschützern kommt, bei denen die Jäger als Mörder bezeichnet werden und sich die Pastoren dem Vorwurf ausgesetzt sehen, sie würden Waffen segnen.

Das heißt, solch eine Feier kann man nicht mal eben so machen, wie etwa eine Trauung oder einen Weihnachtsgottesdienst, sondern da steht eine inhaltliche Entscheidung hinter. Ich habe diese Entscheidung getroffen und ich stehe auch dazu: Das eine ist die Sache mit den Heiligen. Es ist schon richtig, dass wir Evangelischen an diesem Punkt etwas distanzierter sind als unsere katholischen Kollegen - Sie werden es bei mir nicht erleben, dass ich irgendwelche Heiligen im Gebet anrufe, auch den Hubertus nicht oder seinen Kollegen St. Eustachius. Aber als Vorbilder für unser Leben und unseren Glauben dürfen auch wir Evangelischen uns an den Heiligen orientieren. Und ich finde es eigentlich schade, dass das in unserem Kirchenleben so völlig aus der Mode gekommen ist. Wir kennen ja die meisten Heiligen noch nicht einmal.

Das zweite ist diese Sache mit dem Töten der Tiere. Ich sage mal so: Ich bin dankbar dafür, dass die Jäger ihren Job erledigen, denn wenn sie es nicht täten, wäre ich als Autofahrer noch mehr gefährdet, als ich es ohnehin schon bin.

Denn es ist ja so: bei aller Schönheit der Schöpfung gibt es auch eine dunkle Seite. Es gibt das Fressen und Gefressen werden. So ein Spinnennetz, das mit Wassertropfen behangen in der Morgensonne malerisch leuchtet, ist nicht nur ein filigranes Kunstwerk, über das man staunen kann, sondern es ist auch eine tödliche Falle. Der majestätische Raubvogel, über dessen eleganten Flug wir uns freuen, lebt nur, indem er anderes Leben auslöscht. Und so gibt es eben auch die Notwendigkeit, den Wildbestand nicht nur zu hegen und zu pflegen - auch das gehört ja in den Aufgabenbereich der Jäger - sondern auch, ihn per Abschuss zu reduzieren. Die Frage ist nur, wie man mit dieser Verantwortung umgeht, und - so habe ich das verstanden - das Feiern der Hubertusmesse bringt zum Ausdruck, dass man sich seiner Verantwortung sehr bewusst ist und sie auf eine gute Weise tragen will.

Dieser Hubertus ist eine hoch interessante Figur. Es gibt viele verschiedene Fassungen der Hubertuslegende, aber wenn ich so die Quersumme daraus ziehe, dann stelle ich fest, dass er im Grunde beide Seiten der Jagd verkörpert.

Er ist zum einen der wilde Jäger. Er ist der Mensch, der schlimmer ist als jedes Tier. Denn er tötet nicht aus Notwendigkeit, um zu überleben, sondern aus reiner Mordlust. Er setzt sich über alle Traditionen hinweg, er reitet zur Kirchzeit mit seinem Gefolge mitten durch die Gottesdienstbesucher hindurch, anstatt auf Gottes Wort zu hören. Eine Version sagt, es war der Weihnachtsabend, eine andere der Karfreitag - wie auch immer. Er ist der Prototyp des von Gott getrennten Menschen, der in seiner Umwelt schlimmen Schaden anrichtet.

Und diese Seite des Menschen kennen wir ja wohl zur Genüge. Der Mensch, der in seiner grenzenlosen Gier den Planeten zu Grunde richtet, anstatt ihn zu pflegen. Darüber könnte ich stundenlang reden. Über abgeholzte Regenwälder in Brasilien, wo wertvolle Pflanzen, die noch nicht einmal entdeckt und katalogisiert wurden, für immer von der Erdoberfläche verschwinden - und mit ihnen auch unschätzbares medizinisches Potenzial. Ich denke an die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko, wo wochenlang Unmengen von Öl in das Ökosystem gelaufen sind. Ich denke an Spekulanten, die weltweit landwirtschaftliche Preise zerstören und ganze Bauernfamilien in den Ruin treiben. Ich denke an die Klimakatastrophe, auf die wir sehenden Auges zu treiben und gleichzeitig nicht in der Lage sind, wirklich irgendetwas zu verändern. Es gibt zwar jede Menge Konferenzen, für die viel CO2 in die Welt geblasen wird, um alle Teilnehmer per Flugzeug an die Konferenzorte zu bringen, aber meistens kommt doch nur heraus, dass die Wirtschaft einzelner Länder viel wichtiger ist als global etwas zu unternehmen. Was interessiert es mich, wenn irgendwo im Pazifik ein paar Inseln absaufen.

Sie kennen vielleicht den Witz: Da treffen sich zwei Planeten im Weltraum, der eine sagt zum anderen: "Du siehst aber schlecht aus!" - "Ja, ich war gerade beim Arzt, ich habe Homo Sapiens" - darauf antwortet der erste: "Tröste dich, das geht vorbei."

Also, Hubertus in seiner wilden Phase repräsentiert den von Gott getrennten Menschen. Und seine Abkehr von Gott hat ja auch ihren Grund und ihre Geschichte. Er war ursprünglich ein gerechtigkeitsliebender Mensch. Er war ein Pfalzgraf und hatte als solcher Recht zu sprechen. Er hat Gericht abgehalten und wusste sich in seiner Rechtsprechung vor Gott verantwortlich. So wie er es aus der Bibel gelernt hat, sprach er Recht ohne Ansehen der Person, ohne sich bestechen zu lassen, und das hat ihn beinahe den Kopf gekostet, weil er sich natürlich mächtige Feinde gemacht hat. Die Mächtigen mögen es nämlich nicht, wenn man Recht spricht, statt es so zu drehen, wie es ihnen gefällt. So wie die Texaner sagen: "Wer die Wahrheit liebt, braucht ein schnelles Pferd!"

So musste er also dann davon, er fand bei seinem Onkel Unterschlupf und hat dort seine Frau kennen gelernt, die er sehr geliebt hat, mit der er auch ein Kind zeugte und die dann mitsamt dem Kind bei dessen Geburt gestorben ist.

Was für ein Schicksalsschlag! Wenn man sich so in diesen jungen Mann hinein denkt, der auf einen Schlag alles verloren hat, was ihm wichtig war, der versucht hat, einen geraden Weg zu gehen, und der dann erleben musste, dass ihm das überhaupt nichts gebracht hat... Warum soll ich mich denn auf einen Gott einlassen, der so etwas zulässt? Das ist doch zutiefst ungerecht! Ich habe doch alles gemacht, was ich tun sollte, womit habe ich es verdient, so bestraft zu werden?

Sein Herz war voll mit Schmerz und Zorn und Enttäuschung, und das musste raus. Und so wurde er der, der er wurde. Und das konsequent. Wozu denn Weihnachten feiern? Wenn Gott doch nicht hilft, dann braucht man auch die Geburt seines Sohnes nicht zu feiern, dann kann man auch jagen gehen. Und dann greift Gott selbst ein. Er erscheint ihm - wie soll man es sagen? In Gestalt eines Hirschen? Im Geweih eines Hirschen? Er hatte ja offensichtlich eine Vision, die ganz ähnlich ist wie bei der Bekehrung des Paulus in der Apostelgeschichte, der sich auf die Jagd nach den Christen macht, und dann plötzlich den Auferstandenen in einem hellen Licht sieht und angesprochen wird: "Saul, Saul, warum verfolgst du mich?" (Apostelgeschichte 9) Und in beiden Fällen hat es das Leben zutiefst verändert. Hubertus wurde ein frommer Mann und begann, wie es so schön heißt, "den Schöpfer im Geschöpf zu ehren". So sagt es Paulus: "Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur, das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden." (2. Korinther 5,17)

Ich habe das in meinem Leben auch so erlebt. Da gab es zwar keinen Hirschen mit leuchtenden Geweih, aber es gab ein klares Vorher und Nachher. Es gab eine Zeit, in der hat Gott eine ziemlich nebensächliche Rolle in meinem Leben gespielt. Da haben mich Moralvorstellungen nicht die Bohne interessiert, da war nur ich wichtig, da war nur meine Selbstverwirklichung wichtig, wie man das heute so nennt, ohne Rücksicht auf Verluste. Und gleichzeitig wuchs die Leere. Soviel Party und so viel Alkohol und so viele Drogen kann man gar nicht haben, um die Leere nicht mehr zu spüren, die sich breitmacht im Leben, denn im Tiefsten ist diese Leere ein Hunger nach Gott. Wir Menschen sind nämlich dazu geschaffen, dass wir Gegenüber Gottes sind; er will mit uns kommunizieren und so gibt es in unserer Seele einen Teil, der für diese Kommunikation vorgesehen ist. So eine Art innerer Raum. Und wenn dieser Raum leer bleibt, weil wir den Weg zu Gott noch nicht gefunden haben, entsteht dieses Gefühl der Leere im Leben. Man kann versuchen, es irgendwie zu füllen, mit Party oder mit der Jagd. Mit der Jagd auf Tiere oder mit der Jagd nach Anerkennung oder Reichtum - aber so ganz wird es einem nie gelingen.

Mein Hirsch damals waren Menschen, die bewusst mit Gott gelebt haben und mir auf eine Weise von ihm erzählt haben, die mich neidisch werden ließ. Ich habe immer irgendwie an Gott geglaubt, aber dass man eine persönliche Beziehung zu ihm haben könnte, das hatte ich vorher noch nie gehört. Aber das geht. Man kann Jesus bitten, Herr und Heiland des Lebens zu werden und wenn man das tut, dann verändert sich das Leben. Es kommt eine neue Dimension hinein, fast so, als hätte man vorher schwarz-weiß gelebt und plötzlich sieht man Farbe. "Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur, das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden."

Bei Hubertus war das nun ganz extrem, er hat alles stehen und liegen gelassen, hat sich von allem getrennt, ist Einsiedler geworden und Priester und später sogar Bischof von Lüttich. Aber selbst, wenn alles äußerlich so weiterläuft wie bisher - wenn man Christus in sein Leben hinein lässt, dann verändern sich die Dinge. Man geht einfach anders um mit seinem Leben und mit seinen Mitmenschen. Man beginnt sein Leben neu auszurichten, man wird achtsamer, man wird verantwortungsvoller, man wird liebevoller - nicht von heute auf morgen, aber unaufhaltsam. Das ist ein spannender Prozess.

Ich finde immer, ein Christentum, von dem die Freunde und Nachbarn nichts merken, das ist auch nichts wert. Ein Christentum, das sich nicht im praktischen Leben in irgendeiner Weise ausdrückt, das ist Etikettenschwindel. Aber wie es sich ausdrückt, das ist individuell verschieden. Und da hat man nicht das Recht, einem anderen Vorschriften zu machen. Als Christ verantwortet man sein Leben vor Gott - und nur vor Gott.

Die eingangs erwähnten Naturschützer sagen: "Wenn du Christ sein willst, dann darfst du kein Jäger sein, dann darfst Du unsere Mitgeschöpfe nicht umbringen" - aber das halte ich für Ökoromantik. Ich habe wenig übrig für Leute, die gegen das Töten von Tieren demonstrieren und sich anschließend erst einmal einen Döner genehmigen - aber mit extra viel Fleisch. Ich finde, anstatt gegeneinander zu protestieren, sollte man lieber miteinander reden.

Das kann eine sehr spannende Sache sein. Ich habe im Vorfeld einige Gespräche mit verschiedenen Jägern geführt, denn die Jägerei ist für mich eine fremde Welt. Ich wollte schon immer mal mit auf eine Treibjagd, um das mal kennenzulernen - aber das hat irgendwie nie geklappt. Der einzige Zugang den ich habe, besteht darin, dass ich Bogenschütze bin. Ich schieße mit Pfeil und Bogen auf Plastiktiere. Das ist eine schöne Sache, man muss sich sehr konzentrieren, tut etwas für seinen Körper und ist draußen im Wald. Hin und wieder nehme ich auch mal an einem Turnier teil. Das war ganz witzig, beim letzten Turnier lernte ich einige Leute von einem Bogensportverein kennen, die einen Tag der offenen Tür veranstaltet haben. Als Werbeslogan hatten sie den Satz gewählt: "Bogenschießen heißt Freunde treffen" - erst als die Plakate gedruckt waren, haben sie die Doppeldeutigkeit des Satzes bemerkt.

Also, es ist wirklich nett, im Wald auf Nachbildungen von Hirschen oder Wildschweinen zu schießen, aber ich könnte mir nicht vorstellen, das mit lebendigen Tieren zu tun, denn im Training trifft der Pfeil längst nicht immer da, wo er soll. Beim Plastiktier macht es nichts, wenn er mal nicht in Kill landet, sondern irgendwo im Auge oder in einem Hinterlauf steckt, aber bei einem lebendigen Tier wäre das nicht so witzig.

Jagen hat mit Verantwortung zu tun. Es hat damit zu tun, das Notwendige so durchzuführen, dass das Tier möglichst wenig leidet. Was ich bei den Gesprächen mit den Jägern besonders interessant fand, ist, dass das Abschießen, das in der Öffentlichkeit so im Vordergrund steht, bei vielen gar nicht so die Rolle spielt.

Natürlich gehört es dazu. Mit allem drum und dran. Mit Hörnern und Brauchtum und Hunden - und warum auch nicht. Das steckt ja drin in uns. Wir sind von Natur aus Jäger und Sammler. Und das werden wir auch nicht los.

Aber was vielen mindestens genauso viel Freude macht, ist die stille Begegnung mit der Natur. Das draußen sein. Beobachten. Die Stille genießen und beim Ansitzen alle Zeit der Welt haben, um über sich und Gott und die Welt nachzudenken. Und das kann ich gut nachvollziehen, weil Stille so ein kostbares Gut geworden ist in unserer schnelllebigen Zeit.

Und ich denke, für den, der Gott in seinem Herzen trägt, ist der Wald oder die freie Natur die größte Kirche der Welt. Wer Gott in seinem Wort begegnet ist, der findet den Schöpfer auch im Geschöpf wieder. Der kann gar nicht anders als immer wieder beten: Wie groß und wundervoll bist du mein Gott und wie herrlich hast du all das gemacht!

Amen.

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