Kirchengemeinde Havetoft - Predigt über Römer 8, 18-23


Predigt über Römer 8, 18-23

 

Gehalten am 14.11.2010 (Volkstrauertag) von Pastor Jörg Arndt, Havetoft

Zum Inhalt: Die christliche Hoffnung ist ein wertvoller Besitz!



Der Predigttext:
Denn ich bin überzeugt, dass dieser Zeit Leiden nicht ins Gewicht fallen gegenüber der Herrlichkeit, die an uns offenbart werden soll. Denn das ängstliche Harren der Kreatur wartet darauf, dass die Kinder Gottes offenbar werden.
Die Schöpfung ist ja unterworfen der Vergänglichkeit - ohne ihren Willen, sondern durch den, der sie unterworfen hat -, doch auf Hoffnung; denn auch die Schöpfung wird frei werden von der Knechtschaft der Vergänglichkeit zu der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes. Denn wir wissen, dass die ganze Schöpfung bis zu diesem Augenblick mit uns seufzt und sich ängstet.
Nicht allein aber sie, sondern auch wir selbst, die wir den Geist als Erstlingsgabe haben, seufzen in uns selbst und sehnen uns nach der Kindschaft, der Erlösung unseres Leibes. Denn wir sind zwar gerettet, doch auf Hoffnung. Die Hoffnung aber, die man sieht, ist nicht Hoffnung; denn wie kann man auf das hoffen, was man sieht? Wenn wir aber auf das hoffen, was wir nicht sehen, so warten wir darauf in Geduld.
(Römer 8,18-25)


Vor genau 70 Jahren, am 14. November 1940, feierte die deutsche Luftwaffe einen ihrer größten Erfolge. Sie bombardierte die englische Stadt Coventry und zerstörte neben der dort ansässigen Rüstungsindustrie auch das komplette Stadtzentrum, wobei unter anderem auch die große Kathedrale von Coventry in Schutt und Asche gelegt wurde. Es gab etwa 600 Tote, 1000 Verletzte; 4000 Menschen verloren ihre Wohnung. Dieser Sieg wurde so sprichwörtlich, dass Reichspropagandaminister Joseph Goebbels anschließend ein neues Wort prägte. Er prahlte damit, dass man noch weitere englische Städte "coventrieren" wolle.

Bemerkenswert war die Reaktion des damaligen Dompropsten Richard Howard, der am Tag nach dem Luftangriff in den Ruinen der Kathedrale einen Gottesdienst abgehalten und um Vergebung für die Angreifer gebetet hat. Etwas später ließ er in eine der Mauern der Ruine die Worte "Father forgive" meißeln - in Erinnerung an Jesus, der am Kreuz betete "Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun". Das ist heute noch zu sehen, denn die neue Kathedrale wurde an die Ruine der alten angebaut.

Bei Aufräumarbeiten fand man drei große mittelalterliche Zimmermannsnägel, aus denen man ein Kreuz zusammensetzte, das heute noch in der neuen Kathedrale steht. Mittlerweile gibt es eine internationale Nagelkreuzgemeinschaft, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, für Vergebung und Versöhnung zu beten.

Woher nahm dieser Mann die Kraft, am Tag nach einem schrecklichen Luftangriff nicht Hass und Vergeltung zu predigen, sondern um Vergebung für diejenigen zu beten, die die Stadt zerstört haben? Und ich kann mir vorstellen, dass er damit viel Widerspruch geerntet hat, denn die meisten Überlebenden haben vermutlich ganz anders empfunden.

Heute ist übrigens nicht nur Volkstrauertag, sondern auch ein weltweiter Gebetstag für verfolgte Christen. Das Problem der Christenverfolgung ist in den Medien lange Zeit praktisch nicht zur Kenntnis genommen worden. Erst in den letzten Jahren liest man gelegentlich Berichte darüber, etwa über den Anschlag vor 14 Tagen auf den Gottesdienst in Bagdad, wo muslimische Terroristen am Reformationstag 58 Menschen getötet und etliche entführt haben. Mittlerweile hat es in dieser Stadt auch noch gezielte Bombenanschläge auf christliche Wohnsiedlungen gegeben, die weitere 60 Todesopfer gefordert haben. Zu dem Anschlag hat sich die Gruppe "Islamischer Staat Irak" bekannt - sie wollen gerne einen Staat, in dem es keine Christen gibt, und dazu ist ihnen jedes Mittel recht. Die Regierung schaut unbeteiligt zu und lässt die Dinge laufen. Im Weltverfolgungsindex, den die Gruppe "Open Doors" führt, liegt der Irak auf Platz 17.

Man schätzt, dass weltweit etwa 100 Millionen Christen um ihres Glaubens willen verfolgt werden. Zum Vergleich: Die Todesopfer, die der Zweite Weltkrieg gefordert hat, werden auf fünfzig bis sechzig Millionen geschätzt.

Was gibt diese Menschen die Kraft, noch weiter zu ihrem Glauben zu stehen? Sie bräuchten lediglich das islamische Glaubensbekenntnis zu sprechen und schon wären sie all ihre Probleme los. Aber sie tun es nicht!

Worin liegt das Geheimnis des christlichen Glaubens, dass Menschen immer wieder zu unglaublichen Taten befähigt?

Es gab in Auschwitz einen Pater mit Namen Maximilian Kolbe, der später heiliggesprochen wurde. Es war ein Pole, der inhaftiert war, weil er Juden versteckt hatte. Eines Tages sollten einige Mithäftlinge bestraft werden, weil angeblich jemand entflohen war - der war gar nicht geflohen, man hat später seine Leiche gefunden - aber zur Strafe sollten einige Gefangene in den so genannten Hungerbunker gesperrt werden, um dort zu sterben. Einer der Betroffenen bettelte um Schonung, weil er Familie und Kinder hatte. Daraufhin hat Maximilian Kolbe angeboten, sich an dessen Stelle einsperren zu lassen. Die Wärter haben es akzeptiert - er ist dann dort gestorben und der andere Mensch hat das KZ überlebt.

Vorher kommt so eine Kraft?

Das ist die Kraft der Hoffnung! Paulus bringt es im heutigen Predigttext auf den Punkt: "Ich bin überzeugt, dass die Leiden dieser Zeit nicht ins Gewicht fallen gegenüber der Herrlichkeit, die an uns offenbart werden soll" (Röm 8,18)

Egal, was wir hier durchmachen müssen; das was auf uns zukommt, ist so überwältigend, dass alles andere keine Rolle mehr spielt. Natürlich, so darf nur jemand schreiben, der selbst Leid und Verfolgung kennen gelernt hat. Wenn wir, die wir nach weltweiten Maßstäben im Schlaraffenland leben, zu den Leidenden dieser Welt so etwas sagen würden, nach dem Motto: "Haltet durch, das Beste kommt am Schluss, euch erwartet die große Herrlichkeit" und weil das so ist, brauchen wir euch hier auch nicht zu helfen, wir können die Entwicklungshilfe einstellen und das Geld lieber für uns selbst ausgeben - dann wäre das eine ziemlich zynische Angelegenheit.

Aber Paulus schreibt als jemand, der selbst mitten im Leid steht. Er, der anfangs selbst die Christen blutig verfolgt hat, hat nach seiner Bekehrung am eigenen Leibe erfahren müssen, wie sich das anfühlt. Er ist mehrfach zusammengeschlagen worden, war mehrfach im Gefängnis, man hat mehrfach versucht, ihn zu steinigen. Aber die Hoffnung auf das Kommende hat ihn hindurch getragen. Sie hat ihm die Kraft gegeben, zu ertragen, was zu ertragen war, ohne klein bei zu geben.

Es ist wichtig, dass wir an dieser Hoffnung festhalten. Wir dürfen sie uns von niemandem wegnehmen lassen, müssen sie pflegen und verteidigen wie einen wertvollen Besitz. Am besten lernen wir diesen Vers auswendig. "Ich bin überzeugt, dass die Leiden dieser Zeit nicht ins Gewicht fallen gegenüber der Herrlichkeit, die an uns offenbart werden soll". Wenn wir das im Herzen tragen, dann haben wir eine eiserne Reserve für schwere Zeiten.

Unsere aufgeklärte, moderne Gesellschaft neigt dazu, solchen Glauben als naiv zu belächeln. Sie hat sich so wunderbar im Diesseits eingerichtet, es sich hier so bequem gemacht, dass sie mit dem Glauben an ein Jenseits nicht mehr viel anfangen kann.

Sie lebt von der Lüge, als fänden wir alles, was wir zum Leben brauchen, in dieser Welt. Solange alles gut läuft, kann man mit dieser Lüge auch leben, aber sobald die Probleme anfangen, sobald das Leben nicht mehr so läuft, wie wir uns das vorstellen, brauchen wir einen Halt, der nicht von dieser Welt ist. Und es werden Probleme auftauchen. Es gibt kein Leben ohne Leiden!

Zwei Männer stehen in einem Bus und diskutieren über Religion. Der eine sagt: "Glaube ist nur etwas für Schwache. Wer stark ist, findet Halt in sich selbst". Daraufhin erwidert der andere: "Wenn das so ist, dann halten Sie sich doch bitte in der nächsten Kurve an Ihrer Krawatte fest!"

Wir brauchen Hoffnung. Wenn ich keine Hoffnung hätte, die über diese Welt hinausreicht, dann müsste ich vor dem Leid dieser Welt entweder die Augen verschließen, oder würde daran zerbrechen.

Man kann ja wahnsinnig werden, wenn man sich vor Augen führt, was auf dieser Welt los ist: Alle sechs Sekunden verhungert irgendwo ein Kind. Alle 6 Sekunden. Knapp 6 Millionen Kinder jedes Jahr. Es gibt zur Zeit laut Wikipedia 32 Kriege und bewaffnete Auseinandersetzungen auf dieser Erde, die zum Teil schon seit Jahrzehnten andauern. Und so ein Krieg ist ja nicht Abenteuer und Freiheit, sondern Krieg bedeutet Zerstörung,Vergewaltigungen, Blut, Hunger, schreckliche Bilder. Krieg bedeutet Angst und Hass - und die Leidtragenden sind in der Regel Menschen, die sich diese Situation nicht ausgesucht haben. Kinder, Kranke, Alte.

Ich denke an die Opfer von Naturkatastrophen. Man kommt mit dem Spenden gar nicht so schnell hinterher, wie Katastrophen auf dieser Erde passieren. Meist sind es nur einige Wochen, in denen unsere Medien darüber berichten, aber das Elend dauert oft sehr viel länger. Ich denke zum Beispiel an die Menschen in Haiti, die da in ihren Bretterverschlägen hausen und nicht einmal genügend sauberes Wasser haben. Hinzu kommt, dass gerade in den Entwicklungsländern Spendengelder oft nicht dort ankommen, wofür sie bestimmt waren. Stattdessen landen sie in den Taschen korrupter Beamter oder gewalttätiger Krimineller und die Ärmsten der Armen bekommen nichts.

Ich denke an die vielen Menschen, die schon in jungen Jahren sterben müssen. An die Gefallenen unserer Weltkriege, die manchmal nur 14, 16 oder 17 Jahre alt waren, an die Opfer von Verkehrsunfällen, Gewaltverbrechen, Drogen oder Krankheit. Wir leben in einer Welt, in der Kinder an Krebs sterben.

Und unser Planet, wie geschunden er ist. Die Ölpest im Golf von Mexiko. Abgeholzte Regenwälder. Klimaveränderungen, die der Mensch selbst herbeigeführt hat und die wiederum zu neuem Leid führen, zu schrecklichen Stürmen, gewaltigen Flutkatastrophen, in denen ganze Inseln untergehen; das Polareis schmilzt und ganze Lebensräume, ganze Ökosysteme verschwinden einfach.

Paulus hat Recht: Die ganze Schöpfung ächzt und schreit unter der Last der Vergänglichkeit und oft genug ist es der Schrei nach Gott: Gott, wo bist du? Warum greifst du nicht ein? Warum ist diese Welt so wie sie ist?

Aber Gott bleibt uns die Antwort schuldig. Er lässt sich von uns nicht auf die Anklagebank setzen. Stattdessen fügt er weitere Fragen hinzu. Er sendet den verheißenen Erlöser. Aber anstatt die Welt zu heilen, wie man es erwartet hätte, zerbricht er selbst an ihr. Er stirbt den Tod am Kreuz. Warum?

Und an diesem Kreuz scheiden sich die Geister.

Die einen können mit dem Kreuzestod Jesu rein gar nichts anfangen. Er erscheint ihnen widersinnig und überflüssig und hat auf jeden Fall nichts mit ihrem Leben zu tun.

Für die anderen hat das Kreuz mit Hoffnung zu tun. Unter anderem spüren sie die Gemeinschaft, die Gott darin sucht. Es ist ja eine häufige Erfahrung von Menschen, die leiden müssen, von Schwerkranken, von Trauernden, dass andere Menschen sich irgendwann von ihnen abwenden, weil sie das Leid nicht mehr aushalten können. Sie wissen nicht, was sie sagen sollen, und deswegen rufen sie auch nicht mehr an. Sie wollen sich nicht belasten und deswegen kommen sie auch nicht mehr vorbei. Und so erleben die Betroffenen, wie sie in ihrer Trauer und ihrem Leid immer einsamer werden. Aber Jesus wendet sich nicht ab. Er geht freiwillig in das Leid dieser Welt hinein und nimmt seinen Teil auf sich.

Und die Schrift sagt, dass er dadurch den Abgrund überwunden hat, der uns von Gott trennt und der die eigentliche Ursache für den Zustand dieser Welt ist.

Es geht um die Sünde. Nicht um die einzelne Tat. Es geht nicht darum, dass einer etwas Böses getan hat und Gott ihn dafür bestraft. So kleinlich ist Gott nicht. Sondern es geht um einen Zustand. Es geht darum, dass der Mensch sich grundsätzlich von Gott abgewandt hat und versucht, selbst Gott zu sein. Es geht darum, dass der Mensch die Tür zum Bösen geöffnet hat und aus eigener Kraft nicht in der Lage ist, sie wieder zu schließen. Es geht darum, dass er die Geister, die er selbst gerufen hat, nicht wieder loswerden kann.

Und weil es so ist, müssen langfristig alle politischen Bemühungen langfristig immer wieder scheitern. Wir kommen nicht ohne Politik aus, und es ist gut und wichtig, dass Menschen sich politisch engagieren. Aber immer wieder kommen sie an den Punkt, an dem alle Systeme daran scheitern, dass der Mensch so ist, wie er nunmal ist.

Und auch die Religion löst das Problem nicht, im Gegenteil, sie verschärft es. Die schlimmsten Kriege und Gräueltaten unserer Geschichte haben mit Religion zu tun. Wir brauchen keine Religion - und damit meine ich ein System, dass Menschen sich selbst zurecht gelegt haben - sondern wir brauchen den Geist Gottes. Wir brauchen Erlösung. Wir brauchen Jesus.

Das ist die Erfahrung, die Paulus in seinem Leben gemacht hat. Er war ein religiöser Mensch. Er war in einem System zuhause, das Menschen geschaffen haben und ihn dazu brachte, Christen blutig zu verfolgen. Bei alldem kannte er Gott nur vom Hörensagen. Dann aber ist er ihm persönlich begegnet. Und das hat sein Leben verändert. Der Geist Gottes hat ihn befreit. Und plötzlich hat er begriffen: Dieser Geist Gottes, der Jesus zu neuem Leben auferweckt hat, dieser Geist Gottes, der in meinem Leben gegenwärtig ist, der mich verändert, der mich beten lehrt, dieser Geist ist die einzige Hoffnung, die diese Welt wirklich hat.

Denn da wo dieser Geist am Werk ist, werden Hass und Egoismus besiegt. Da kann ein englischer Geistlicher inmitten einer zerstörten Stadt für diejenigen beten, die diese Zerstörung angerichtet haben. Da kann jemand freiwillig für einen Mithäftling den Tod auf sich nehmen. Wo der Geist Gottes am Werk ist, wird Leben neu.

Diese Welt ist vergänglich, so wie unser Leben vergänglich ist. Aber eines Tages wird Gott diese Welt neu schaffen und dann wird sie so sein, wie er sie ursprünglich gedacht hat. Eine Welt, in der es keine Kriege, keine Verbrechen, keine Krankheit und keine Not gibt. Darauf dürfen wir hoffen.

Amen.

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