Kirchengemeinde Havetoft - Predigt über Markus 4, 26-29


Predigt über Markus 4, 26-29

 

Gehalten am 27.02.2011 von Pastor Jörg Arndt, Havetoft

Zum Inhalt: Gottes Reich wächst von selbst!




Jeden Sonntag beten wir: "Dein Reich komme", und die Frage, was darunter zu verstehen sei, ist nicht ganz leicht zu beantworten. Was genau ist das "Reich Gottes" eigentlich?

In der Verkündigung Jesu hat das Reich Gottes eine zentrale Rolle gespielt. Er hat viel darüber gesprochen. Seine Predigten werden in den Evangelien mit den Worten zusammengefasst: "Tut Buße, denn das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen"

Jesus gibt auch Erklärungen dazu, aber die scheinen sich auf den ersten Blick zu widersprechen. Zum einen spricht er vom Reich Gottes als von etwas, das am Ende der Zeiten über uns kommt, zum anderen verwendet er Bilder, die darauf hindeuten, dass das Reich Gottes hier auf Erden wächst. Zum einen ist es schon da, zum anderen warten wir darauf. Und beides ist richtig.

"Reich Gottes" ist da, wo der Wille Gottes umgesetzt wird, da wo Menschen ihn Herr sein lassen, da wo sie aufrichtig darum beten, dass sein Wille geschieht. Doch leider stehen wir bestenfalls mit einem Bein im Reich Gottes, mit dem anderen sind wir im Reich des Menschen, und da gelten ganz eigene Gesetze. Im Reich der Menschen kommt Gott normalerweise nicht vor, zumindest steht er nicht im Mittelpunkt. Im Reich der Menschen zählt die eigene Tüchtigkeit, das was wir selber tun können. Da zählt der Ellenbogen. Da zählt das Recht des Stärkeren. Und wenn Gott doch vorkommt, dann nur insoweit, wie er den Menschen nützlich ist. "Lieber Gott, bitte hilf mir, dass mein Wille geschieht".

Religion ist im Reich der Menschen ein beliebtes Mittel, um Macht auszuüben, um Menschen unter Druck zu setzen, um Kriege zu führen, um Geld zu sammeln, um Menschen zu manipulieren - was auch immer. Religion im Reich des Menschen kann eine furchtbare Angelegenheit sein. Jesus ist letztlich daran gestorben.

Das Blöde an der Sache ist, dass sich die beiden Reiche, das Reich Gottes und das Reich der Menschen, nicht sauber voneinander trennen lassen. Weil wir Menschen nun mal so sind, wie wir sind, fließt das oft ineinander. Man findet selbst bei aufrichtigen Frommen überraschende Sünden - und selbst bei den hartnäckigsten Kirchendistanzierten überraschende Frömmigkeit.

Um den Menschen nahe zubringen, was das Reich Gottes ist und wie es kommt, erzählt Jesus gerne Gleichnisse. Eines davon ist der heutige Predigttext - und ehrlich gesagt, weiß ich nicht so recht, ob ich mich über dieses Gleichnis ärgern oder freuen soll. Es steht im Markusevangelium, Kapitel 4, und ist ganz schlicht. Es besteht nur aus vier kurzen Versen:

Und er sprach: Mit dem Reich Gottes ist es so, wie wenn ein Mensch Samen aufs Land wirft und schläft und aufsteht, Nacht und Tag; und der Same geht auf und wächst - er weiß nicht, wie. Denn von selbst bringt die Erde Frucht, zuerst den Halm, danach die Ähre, danach den vollen Weizen in der Ähre. Wenn sie aber die Frucht gebracht hat, so schickt er alsbald die Sichel hin; denn die Ernte ist da. (Markus 4,26-29)

Das hört sich sehr romantisch an. "Im Märzen der Bauer die Rößlein anspannt", er streut ein bisschen Saatgut aus, legt sich schlafen und kommt dann irgendwann zur Ernte wieder. Zwischendurch schaut da hin und wieder mal nach dem Rechten und das war's dann.

Als Bauer oder Gärtner würde ich mich über diesen Text ärgern. Denn so einfach, wie Jesus die Dinge hier darstellt, sind sie ja nun wirklich nicht. Für eine gute Ernte muss man schon ein bisschen mehr tun. Da wird gedüngt und gespritzt und gemacht und getan und nicht bloß geschlafen.

Ich musste an den Witz denken, wo der Pastor jemanden besucht, der nicht viel vom Glauben hält. Um mit ihm ins Gespräch zu kommen, schaut er sich dessen schönen Garten an, auf den der Mann sehr stolz ist und sagt dann zu ihm: "Es ist ja wirklich fantastisch, was der liebe Gott und sie hier gemeinsam zu Stande gebracht haben!" Daraufhin entgegnet der Mann: "Ja, Herr Pastor, das ist ja alles schön und gut, aber sie hätten mal sehen sollen, wie es hier ausgesehen hat, als der liebe Gott noch allein am Werk war."

Ich habe über diesen Abschnitt schon einmal gepredigt, als ich noch Vikar gewesen bin - das war vor 18 Jahren - und damals habe ich genau an dieser Stelle angesetzt. Gott schenkt Wachstum, schön und gut, aber wir Menschen müssen auch eine Menge tun. Gießen, Unkraut jäten, düngen, spritzen, und so weiter. Und also müssen wir uns auch für das Reich Gottes einsetzen und alles dafür geben, dass es voran geht...

Ein älterer Kollege wies mich damals darauf hin, dass das so aber gerade nicht im Text steht, und ich dachte - bescheiden und demütig, wie ich damals schon war - etwas wie "der ist ja nur neidisch auf meine tolle Predigt". Das Problem ist nur: der Mann hatte recht. Ihr seht also, wie wichtig es ist, dass die Gemeinde eine Predigt kritisch beurteilt und nicht einfach nur konsumiert. Der Mann hatte recht! Was ich damals gepredigt hatte, war nichts weiter als das Denken aus dem Reich der Menschen verkleidet in fromme Gewänder.

Ich bin der Macher und Gott ist mein Assistent. Ich bin meines Glückes Schmied. Ich habe die Kontrolle. Ich habe mein Leben in der Hand. Und du, lieber Gott, darfst segnen, aber komme mir ansonsten bitte nicht in die Quere.

Das ist eindeutig das Denken aus dem Reich des Menschen. Und das Problem ist: da wo sich dieses Denken in der Kirche breit macht - und es hat sich sehr breit gemacht - ernten wir als Früchte ausgebrannte Mitarbeiter, Gemeinden, die auf sich selbst stolz sind und ein ungesundes Konkurrenzdenken, mit allem was dazugehört. Neid, Missgunst, üble Nachrede. Man setzt sich gegenseitig und sich selbst unter Druck: "Was, Gemeinde XY hat drei Gottesdienste jeden Sonntag und wir nur einen? Das geht ja gar nicht!"

Das ist die Herzenshaltung von Martha, die in der Küche geschuftet hat, als Jesus zu Gast war, während ihre Schwester einfach zu seinen Füßen saß und zugehört hat. Und anstatt die aufopferungsvolle Arbeit zu würdigen, hat Jesus noch die Stirn, ihre faule Schwester Maria zu loben und zu sagen, dass sie richtig gehandelt hat, obwohl sie die doch die ganze Zeit nur untätig in der Gegend herumgesessen hat. Das ist eine Zumutung für alle Macher und Arbeitstiere. Deswegen sprach ich vorhin davon, dass man sich über diesen Text ärgern kann. Er ist ärgerlich für alle, die gerne aktiv sind und die Dinge in die Hand nehmen. Diejenigen, die am liebsten bis Mittag schlafen, werden sich hier hingegen wahrscheinlich ganz wohl fühlen.

Aber andererseits sind diese Worte Jesu ausgesprochen entspannend. Gerade auch für Pastoren. Die Aufgaben sind klar zugeteilt. Du, lieber Pastor, teilst den Samen aus, das ist die Verkündigung des Evangeliums, und Gott schenkt das Wachsen. Du musst nicht zwischendurch dran ziehen, damit es schneller wächst. Das bringt überhaupt nichts, im Gegenteil. Gott schenkt das Wachstum. Du weißt nicht wie, aber es wächst.

Und Wachstum braucht halt seine Zeit. Das ist nebenbei einer der Punkte, weswegen ich mit "G8" überhaupt nichts anfangen kann - weil ich denke, dass es nicht gut ist, wenn man unseren Kindern die Zeit nimmt, die sie zum inneren Wachstum einfach brauchen. Aber das ist ein anderes Thema.

Mein Thema ist, dass Gott mir schon länger versucht, klar zu machen, was sein Job ist und was meiner. Und er hat mit mir über dieses Thema schon ganz am Anfang meiner Pastorenzeit mit mir geredet. Das ist mir bei der Vorbereitung dieser Predigt wieder eingefallen. Da hat er mir nämlich ein Bild gezeigt. Ich war damals ein bisschen ungeduldig und habe immer wieder gedacht: "Warum sehe ich so wenig Frucht? Was mache ich verkehrt in meinem Dienst?" Und er zeigte mir das Bild eines Bauern, der auf seinem Feld steht. Um ihn herum grünt und sprosst es, die Saat ist gut aufgegangen, aber der Bauer hüpft über das Feld und sagt: "Wo bleibt die Frucht? Wo bleibt die Frucht? Wo bleibt die Frucht?"

Alles braucht seine Zeit. Die Dinge müssen reifen. Im Gemeindeaufbau ebenso wie im eigenen Leben. Wir dürfen auch mit uns selbst Geduld haben - denn Gott hat sie auch.

Die Frucht, um die es letztlich geht, besteht darin, das das Wort Gottes das Leben von Menschen verändert. Diese Kraft hat es nämlich. Das ist genial! Das Wort Gottes besitzt eine übermenschliche Kraft. Es bringt uns dazu, Dinge zu tun, die wir sonst nicht getan hätten.

Zum Beispiel anderen zu vergeben. Das Thema hatten wir gerade im Konfirmandenunterricht. Warum sollte ich denn das tun? Warum sollte ich jemandem vergeben, der mich verletzt hat, viel naheliegender wäre es doch, Rache zu üben! Aber wenn das Wort Gottes in mein Leben spricht, vergebe ich.

Oder den Zehnten zu geben. Wie sollte ein Mensch sonst auf die verrückte Idee kommen, freiwillig etwas von seinem geliebten und hart verdienten Geld herzugeben, wenn nicht durch Gottes Wort!

Oder aufrichtig zu beten: "Dein Wille geschehe!" Nicht zu fragen, was will ich, was wollen die anderen von mir, was tun "alle", sondern: "Gott, was willst Du?" Das kommt allein durch das Wort Gottes. Und das Wort Gottes gibt dann auch noch Antwort auf diese Frage! Wie gut, dass wir das Wort haben. Das Wort Gottes hat die Kraft, Leben zu verändern.

Ein für mich sehr bewegendes Beispiel ist die Geschichte, wie unser jetziger Bischof und ehemaliger Propst Ulrich zum Glauben gefunden hat. Viele wissen vielleicht, dass er eigentlich gelernter Schauspieler ist, und er hat mal erzählt, wie er dazu gekommen ist, Pastor zu werden. Das hing mit einem Theaterstück zusammen, wo einer seiner Kollegen, der selbst gar nicht gläubig war, einen Bibeltext rezitierte. Das gehörte zu seiner Rolle. Und irgendwie hat Gott dieses Wort dazu benutzt, in Gerhard Ulrichs Leben hinein zu sprechen und ihn in den Dienst zu berufen. Das Wort Gottes hat eine übermenschliche Kraft!

Diese lebensverändernde Kraft des Wortes beschränkt sich nun nicht nur darauf, dass sich in unserem Leben etwas verändert, dass wir irgendwie zu besseren Menschen werden. Sondern es geht noch darüber hinaus. Der Clou bei Saat und Ernte ist ja der, dass neues Saatgut entsteht. Also, dass Menschen, in deren Leben das Wort Gottes zu wachsen begonnen hat, von Gott dazu gebraucht werden, sein Wort an andere weiterzugeben und sie so zu ihm zu führen.

Die streuen dann den Samen in das Leben anderer Menschen, manchmal ohne das bewusst zu merken, und lassen so auch dort wieder etwas Neues entstehen. Einfach nur dadurch, dass sie sich selbst von Gott haben verändern lassen, einfach nur dadurch, dass sie so sind wie sie sind, stoßen sie bei anderen Menschen etwas an.

Auf diese Weise wächst das Reich Gottes seit über 2000 Jahren. Und wir sind heute ein Teil davon - letztlich ohne unser Zutun. Gott beruft zum Glauben wen er will und wann er will. Alles was wir tun können, ist zu beten und zu warten und unsere Samenkörner in das Leben anderer Menschen hinein zu streuen. Wohl gemerkt streuen, nicht zuschütten!

Und was wir für uns selber tun können, ist dem Wort Gottes genügend Raum in unserem eigenen Leben zu geben. Damit es überhaupt eine Gelegenheit bekommt, uns zu prägen, müssen wir darauf achten, es nicht untergehen zu lassen zwischen Fernsehen und Zeitung und Arbeit und Internet und was nicht noch alles gern unser Leben prägen möchte. Am besten geht es wohl, wenn ihm wir einen festen Platz in unserem Tagesablauf einräumen, morgens, mittags, abends, wann auch immer - eine Zeit, in der wir bereit sind, auf Gott und sein Wort zu hören.

Wenn wir das Wort Gottes in uns wirken lassen, wird es uns verändern und dann tragen wir automatisch das unsere dazu bei, dass das Reich Gottes wächst.

Amen

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