Kirchengemeinde Havetoft - Predigt über Lukas 23, 33-49


Predigt über Lukas 23, 33-49

 

Gehalten am 22.04.2011 von Pastor Jörg Arndt, Havetoft

(Karfreitag)




Das Volk zur Zeit Jesu hatte ernste Probleme, denn damals gab es noch kein ProSieben und keine Actionfilme auf DVD, mit denen man sein Blutdurst stillen konnte. Also war man auf Live-Veranstaltungen angewiesen. So eine zünftige Kreuzigung kam da gerade recht.

Es war immer eine Sensation, wenn die römischen Soldaten mal wieder einen Verurteilten vor sich her stießen, um ihn schließlich auf dem alten Schuttplatz an ein Holzkreuz zu nageln. Mit wohligem Schauern verfolgte das Volk die grausige Darbietung. Sie hatten kein schlechtes Gewissen dabei, denn die Hingerichteten waren ja böse Menschen, die es sicherlich verdient hatten, so zu sterben. An diesem Tag schien es besonders lohnenswert. Gleich drei Verurteilte sollten hingerichtet werden. Zwei Kriminelle und so ein religiöser Spinner aus Galiläa. Das durfte man sich nicht entgehen lassen. Das würde der Gesprächsstoff der nächsten Wochen sein. Eintritt brauchte man auch nicht zu bezahlen. Und so strömten das Volk herbei, drängelte und schubste, um ja nichts zu verpassen.

Es war wohl nicht die erste Kreuzigung, die sie erlebten, aber diese war anders als sonst. Normalerweise schwiegen die Gekreuzigten verbissen und wollten sich ihre Qualen nicht anmerken lassen. Oder sie verfluchten und verhöhnten diejenigen, die sie hingerichtet hatten. Doch das was Jesus sagte, klang ganz anders: "Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht was sie tun!"

Und nicht nur was er sagte, war ungewöhnlich, sondern auch wie er es sagte. Die Menschen spürten, dass er nicht ins Leere sprach, sondern tatsächlich mit Gott in Kontakt stand. Schon erstaunlich in dieser Situation. Die Menschen begannen sich unbehaglich zu fühlen und schielten herüber zu ihren religiösen Führern. Diese stimmten eine Spottrede an: "Wenn er der Christus und der Auserwählte Gottes ist, dann soll er sich selber helfen!", tönten sie.

Die Soldaten stimmten in den Chor mit ein: "Ja, wenn er der König der Juden ist, dann soll er sich selber helfen!" Und auch einer der Verurteilten mischte mit: "Hey, bist du nicht der Christus? Dann hilf dir selbst und auch uns!"

Drei Mal wurde Jesus aufgefordert, sich selbst zu helfen. Das passt in unser menschliches Denken, in unser Ideal vom selbstbestimmten Menschen, der sich selber helfen kann, der grundsätzlich gut ist und darum auch keine Erlösung braucht. Natürlich, Fehler macht jeder mal, irren ist menschlich, aber da könnte Gott ja einfach mal ein Auge zu drücken.

Also los, Gottessohn, häng' hier nicht rum, hilf dir selbst!

In der Tat könnte er das tun. Er hätte die Macht dazu. Auch am Kreuz noch bräuchte es nur einen einzigen Befehl und eine ganze Legion Engel würde antreten, um ihn zu befreien. Er könnte sich selbst helfen. Aber er will es nicht. Er will lieber anderen helfen.

Das Volk ist unruhig. So recht will diesmal keine Stimmung aufkommen bei der Hinrichtung. Irgendetwas ist faul mit diesem Verurteilten. Da öffnet der andere Straftäter seinen Mund. Das Volk ist gespannt, gibt es nun eine neue, witzige Lästerung zu hören?

Aber nein, auch von diesem Menschen kommen ganz ungewohnte Töne. "Wir haben es verdient, dass wir bestraft wurden", sagt er, "aber der da ist unschuldig. Jesus, gedenke an mich wenn du in dein Reich kommst!" Und Jesus antwortet: "Wahrlich, ich sage dir, heute wirst du mit mir im Paradies sein!"

Wer ist dieser Jesus, dass er so redet? Ist er wirklich der Gotteslästerer, als den man ihn verurteilt hat? Oder sagt man zu Recht von ihm, dass Gott ihn gesandt hat? Aber wenn das so ist, warum hat Gott dann zugelassen, dass man seinen Gesandten tötet? Warum hat er ihn nicht beschützt?

Was geht hier vor?

Seit 2000 Jahren stehen Menschen vor dieser Frage, und seit 2000 Jahren werden immer wieder Antworten versucht, auf unterschiedlichste Weise. Im Predigten, in mehr oder weniger klugen Büchern, in Oratorien, Filmen und Bildern.

Wir haben uns in diesem Jahr in der Passionszeit mit den verschiedenen Bildern in unserer Kirche beschäftigt. Darum ist auch heute hier vorne ein Bild zu sehen, das in den Bilderzyklus an unserer Empore gehört. Bruno Spießwinkel hat es gemalt und es ist seine Art, die Frage zu beantworten, was dort am Kreuz geschehen ist.

Kreuzigungsbild
Es ist ein merkwürdiges Bild, es sieht ganz anders aus, als die Darstellungen, die man sonst so kennt. Es ist ein Kreuzigungsbild ohne Kreuz. Das meiste fehlt. Es reicht gerade mal bis zu den Knien.

Als wir den Maler damals fragten, warum er das so gemacht hat, gab er zur Antwort: "Weil das Opfer, das Jesus gebracht hat, bis in den Himmel reicht"

Ein genialer Gedanke, wie ich finde, obwohl er nicht ganz selbstverständlich zu sein scheint.

Ausgerechnet die "Evangelische Zeitung", früher bekannt als "Nordelbische Kirchenzeitung" bringt in ihrer jüngsten Ausgabe verschiedene Artikel unter der Überschrift "Zweifel am Opfertod Jesu". Auf der ersten Seite führt die ehemalige Bischöfin Bärbel Wartenberg-Potter aus, dass die Vorstellung vom Sühnetod Jesu die Gewalt im Gottesbild verankert und so zum Unfrieden in der Welt beiträgt. Wörtlich schreibt sie: "Wenn Gott schon Gewalt zur Versöhnung braucht, dann brauchen wir Menschen sie erst recht, brauchen Sündenböcke und Opferung" - nach ihrer Ansicht gehört dieses Denken in die magische Welt des Altertums, in der Menschen Opfer bringen mussten, um den Zorn der Götter zu stillen - weil wir aber nicht mehr in dieser Zeit leben, brauchen wir auch den Gedanken des Sühneopfers nicht mehr.

Auf Seite zwei kommen verschiedene Passanten zu Wort, von denen die meisten sich nicht vorstellen können, dass der Tod Jesu am Kreuz etwas mit ihrem persönlichen Leben zu tun haben könnte. Die Krönung aber ist ein Artikel des ehemaligen Superintendenten Burkhard Müller, der behauptet, dass die Lehre des Sühnopfers Jesu erst vor 1000 Jahren entwickelt wurde und dass sich im Neuen Testament fast nichts darüber finden lässt. Beide Aussagen sind falsch.

Ich war einigermaßen entsetzt, als sich diese Dinge gelesen habe; vom Spiegel ist man das ja gewohnt, aber wenn eine Zeitung, die aus Kirchensteuermitteln subventioniert wird, solche Gedanken verbreitet, frage ich mich, wo unsere Kirche mittlerweile hingekommen ist.

Eigentlich schade, dass Jesus von diesem Gedanken nichts gewusst hat, er zumindest hat daran geglaubt, dass sein Tod notwendig gewesen ist. Ansonsten hätte er als alter Mann im Kreise seiner Kinder und Enkel sterben können.

"Hilf dir selbst" - wer den Gedanken ablehnt, dass Jesus für unsere Sünden gestorben ist, mutet den Menschen zu, selbst für ihre Erlösung zu sorgen.

Der Mann auf dem Bild jedenfalls ist anderer Meinung. Ein Sträfling, ein Verurteilter, ähnlich dem Verbrecher am Kreuz, von dem wir bereits gehört haben.

Vielleicht ist er ein Mörder, vielleicht hat er ein Menschenleben auf dem Gewissen und weiß: Nichts von dem, was ich tun kann, wird diese Tat jemals ungeschehen machen. Es geht einfach nicht. Der andere wird nicht mehr lebendig. Wie soll ich weiterleben mit dieser Last?

Was nützt es, dass ich es nicht wirklich gewollt habe, dass meine böse Tat einfach so passiert ist? Wenn ich könnte, würde ich mein Leben geben, aber das macht den Getöteten auch nicht wieder lebendig.

Vielleicht ist er aber auch kein Mörder, sondern nur ein Dieb, der sich vergeblich wünscht, seine Tat nie begangen zu haben, oder ein Ehebrecher oder ein Lügner, oder jemand der Gerüchte über andere in Umlauf gebracht und ihren guten Ruf damit zerstört hat, oder einfach jemand, der spürt, dass er Gott und den Nächsten nicht so liebt, wie er es sollte, und daran verzweifelt.

Und vielleicht ist sein Sträflingskleid auch kein Sträflingskleid, sondern eher symbolisch zu sehen: es hat helle und dunkle Streifen, so wie wir helle und dunkle Seiten in unserem Leben haben. Wir sind immer Sünder und Gerechte zugleich, simul iustus et peccator, wie Martin Luther es gelehrt hat.

Auf jeden Fall findet dieser Mensch seine Erlösung am Stamm des Kreuzes. Ganz fest packt er ihn - wobei seine Arme an eine Gebetshaltung erinnern. "Herr, denk an mich, wenn du in dein Reich kommst!"

Als Jesus starb, verlor die Sonne ihren Schein und Finsternis legte sich über das Land. Wir sehen sie eindrucksvoll auf dem Bild, wie sie sich von oben, wo es am dunkelsten ist, bis hinunter auf die Stadt senkt, in der noch ein wenig Licht verblieben ist.

Aber auf der Hand, dem Scheitel und dem Nacken des Mannes liegt ein ganz anderes, ein weißes Licht. Es scheint direkt von oben. In Christus steht der Himmel offen, allen, die an ihn glauben.

Christus ist einen bitteren Tod gestorben. Er hat unglaubliche Schmerzen ausgehalten, hat sich bespucken und verspotten lassen, hat sein Leben zum Opfer gegeben, damit wir bei ihm Erlösung fänden.

Der Mensch auf dem Bild bin ich.

Ich bin derjenige, der Erlösung braucht. Ich habe keine weiße Weste, bestenfalls eine mit weißen Streifen. Aber ich habe Erlösung. Durch seine Wunden bin ich geheilt und durch seinen Opfertod bin ich erlöst. Halleluja!

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