Kirchengemeinde Havetoft - Predigt über Jesaja 29, 17-24


Predigt über Jesaja 29, 17-24

 

Gehalten am 11.09.2011 von Pastor Jörg Arndt, Havetoft

(Einweihung einer Engelstatue auf dem Havetofter Friedhof)



Es ist gut 22 Jahre her, dass meine Frau zum ersten Mal schwanger wurde. Das war etwas früher als geplant, aber wir haben mit großer Freude unser erstes Kind erwartet. Der Frauenarzt empfahl uns, in den ersten Wochen noch nicht mit anderen darüber zu reden, weil in dieser Zeit ein erhöhtes Risiko einer Fehlgeburt bestünde - und je mehr Menschen von der Schwangerschaft wissen, umso schwieriger würde es im Falle des Falles werden.

Es war alles ganz neu und aufregend für uns, und ich erinnere mich noch gut daran, wie berührt ich davon war, unser Kind zum ersten Mal im Ultraschall zu sehen. Ich habe gestaunt, wie viel Bewegung im Mutterleib herrschte. Die Bilder, die ich aus dem Biologiebuch kannte, vermittelten den Eindruck, als würde das Ungeborene mehr oder weniger unbeweglich in seinem Fruchtwasser vor sich hin dösen und langsam heranwachsen - aber auf dem Bildschirm schoss es hin und her wie ein kleiner Fisch. Das war Leben pur, und in diesem Augenblick wurde mir zum ersten Mal richtig klar, dass ich bald Vater werden würde. Am 10. März 1990 erblickte Christian das Licht der Welt - und hat unser Leben zutiefst verändert.

Leider verläuft es nicht immer so glatt. Wir selbst haben es nicht erleben müssen, aber statistisch gesehen endet jede fünfte Schwangerschaft mit einer Fehlgeburt. Meist geschieht es in den ersten Wochen. Medizinisch gesehen ist es ein ganz normaler Vorgang, denn die Prozesse, die bei der Entstehung eines neuen Lebens ablaufen, sind so kompliziert und empfindlich, dass sie nicht immer glücken. Darum verfügt die Natur über ein Sicherheitsprogramm: Ein Fötus, der nicht lebensfähig ist, wird vom Mutterleib abgestoßen. Medizinisch gesehen ist das ganz normal, aber menschlich gesehen ist es oft genug eine Katastrophe. Auf die große Vorfreude folgt der totale Absturz.

Früher sprach man nicht öffentlich über diese Dinge, Fehlgeburten wurden selbst im Kreise der Familie verheimlicht. Heute gehen die betroffenen Paare mit ihrer Trauer offener um. Und ich denke, dass es gut ist, dass es hilft, das Erlebte zu verarbeiten.

Es ist bewegend, wenn man zu diesem Thema im Internet recherchiert. Es gibt viele Seiten, auf denen Eltern von ihrem Verlust und ihrer Trauer berichten. Immer wieder liest man in diesem Zusammenhang den Ausdruck "Sternenkinder". Ich finde das Wort sehr schön - vielleicht weil ich Sterne so gerne mag.

Sternenkinder....

Das erinnert mich an Abraham, zu dem Gott sagte: "Sieh zu den Sternen hinauf und versuche, sie zu zählen. So zahlreich sollen deine Nachkommen sein!". (1. Mose 15,5) Da steckt eine Verheißung drin!

Sternenkinder...

Sterne sind weit weg und doch irgendwie da, so wie Kinder, die nie das Licht der Welt erblickt haben, auf geheimnisvolle Weise immer irgendwie gegenwärtig sind. Und Gottes Verheißung an Abraham, der sich so sehnsüchtig Nachwuchs gewünscht hat und so unendlich lange darauf warten musste, dass sich sein Wunsch erfüllt, tröstet, denn sie lenkt unseren Blick darauf, dass Gott Möglichkeiten hat, die unsere Vorstellungskraft weit überschreiten.

Wir wollen heute hier in Havetoft eine Gedenkstelle für Sternenkinder eröffnen. Es ist zugleich ein Ort, an dem Früh- und Fehlgeburten beigesetzt werden können, die noch nicht der Bestattungspflicht unterliegen. Der Gesetzgeber hat die Grenze bei einem Gewicht von 500 Gramm gezogen - das ist irgendwo zwischen dem sechsten und siebten Schwangerschaftsmonat erreicht. Alle Kinder, die kleiner sind, müssen nicht bestattet werden, aber sie können. Sie sollen auf unserem Friedhof einen schönen Platz erhalten.

Wir freuen uns sehr, dass Jochen Rasch für uns eine Engelsskulptur aus Moorholz geschaffen hat, die im Anschluss an den Gottesdienst enthüllt werden soll. Er wird nachher noch selbst etwas dazu sagen.

Aber soviel will ich schon verraten: die ganze Figur ist zweigeteilt. Es verläuft ein Spalt senkrecht durch die ganze Figur. Das finde ich ausgesprochen beeindruckend. Denn so fühlen sich die Betroffenen. Es ist, als würde durch ihr ganzes Leben ein Riss gehen. Es ist in ihnen etwas zerbrochen, da wo vorher die Freude über das neue Leben gewesen ist, ist nun Trauer und Wut und Verzweiflung und oft genug auch Schuldgefühle.

Gerade die Frauen fragen sich oft, womit sie das verdient haben, was sie falsch gemacht haben, ob es vielleicht nicht passiert wäre, wenn sie irgendetwas anders gemacht hätten. So, als würden Selbstvorwürfe irgendetwas an der Situation verändern. In den meisten Fällen ist es wohl tatsächlich die Natur, die ihren Lauf genommen hat, und nichts in der Welt hätte die Fehlgeburt verhindern können. Aber auch hier ist oft ein Riss zwischen dem was der Kopf versteht und dem was das Herz fühlt.

Wir werden es nachher sehen: dieser Engel hat zwei unterschiedliche Gesichter, die zwei unterschiedliche Ausdrücke zeigen. Zwischen ihnen verläuft der Spalt - und doch gehören beide zusammen. Eine tiefe Symbolik. Ich finde diese Figur ganz phantastisch.



Es ist ein besonderes Datum heute, der 9. September 2011, der zehnte Jahrestag des Anschlags auf das World Trade Center, der damals rund 3000 Menschen das Leben gekostet hat.

Nach jahrelangen Vorbereitungen haben islamistische Terroristen damals zeitgleich vier amerikanische Linienmaschinen entführt. Zwei davon trafen die Zwillingstürme des World Trade Center, eine das Pentagon und eine Maschine sollte eigentlich das Kapitol treffen, aber daraus ist nichts geworden, weil sich die Passagiere gegen die Entführer zur Wehr gesetzt haben. Sie haben versucht, die Gewalt über die Maschine zurück zu gewinnen, dabei ist sie dann abgestürzt - dort, wo sie keinen weiteren Schaden anrichten konnte.

Seitdem steht dieses Datum für ein nationales Trauma der Amerikaner und hat seine Spuren in der ganzen Welt hinterlassen. Ein Riss zieht sich durch die Welt - er ist nicht wirklich neu, aber er ist durch diesen elften September neu und anders sichtbar geworden. Es ist ein Riss zwischen Ost und West, zwischen Muslimen und Christen, zwischen friedfertigen und hasserfüllten Menschen auf beiden Seiten des Ozeans und in beiden Religionen, zwischen armen und reichen Ländern - und ich fürchte, dass wir es nicht aus eigener Kraft schaffen werden, diese Kluft zu überbrücken. Wir leben in einer zerrissenen Welt.

Nachdem wir hier in Deutschland schon so lange im Frieden leben durften, hätte ich mir beim besten Willen nicht vorstellen können, dass Menschen zu solchem Hass in der Lage sind. Soweit wir wissen, haben einige der Entführer in Hamburg gelebt und studiert. Sie waren Teil unserer Gesellschaft - was muss in den Köpfen dieser Männer vorgegangen sein, als sie den Tod tausender Zivilisten geplant haben und dabei wussten, dass sie auch ihr eigenes Leben opfern würden? Ich kann es nicht nachvollziehen.



Auch der heutige Predigttext wurde einst mitten in ein nationales Trauma hinein gesprochen. Wir haben schon vor 14 Tagen am sogenannten Israelsonntag davon gehört: es gibt ein wichtiges Schicksalsdatum in der altisraelitischen Geschichte. 586 v. Chr. hat der babylonische König Nebukadnezar die Stadt Jerusalem eingenommen, den Tempel zerstört und alle, die lesen und schreiben konnten oder ein Handwerk beherrschten nach Babylonien entführt. Und da saßen sie nun. Das jüdische Volk war entwurzelt. Sie fühlten sich schuldig, weil sie nicht auf ihre Propheten gehört hatten und ihrem Gott untreu geworden waren. Und nun ist alles vorbei. Ihr Land ist weg, ihr Tempel ist weg, ihr Gott hat sie verlassen - es gab keine Zukunft mehr für sie. Jedenfalls schien es ihnen so. Aber dann sprach der gleiche Prophet, der ihnen vor der Katastrophe den Zorn Gottes gepredigt hatte, plötzlich von Vergebung und Gnade und einer neuen Zukunft:

Wohlan, es ist noch eine kleine Weile, so soll der Libanon fruchtbares Land werden, und was jetzt fruchtbares Land ist, soll wie ein Wald werden. Zu der Zeit werden die Tauben hören die Worte des Buches, und die Augen der Blinden werden aus Dunkel und Finsternis sehen; und die Elenden werden wieder Freude haben am HERRN, und die Ärmsten unter den Menschen werden fröhlich sein in dem Heiligen Israels.

Denn es wird ein Ende haben mit den Tyrannen und mit den Spöttern aus sein, und es werden vertilgt werden alle, die darauf aus sind, Unheil anzurichten, welche die Leute schuldig sprechen vor Gericht und stellen dem nach, der sie zurechtweist im Tor, und beugen durch Lügen das Recht des Unschuldigen.

Darum spricht der HERR, der Abraham erlöst hat, zum Hause Jakob: Jakob soll nicht mehr beschämt dastehen, und sein Antlitz soll nicht mehr erblassen. Denn wenn sie sehen werden die Werke meiner Hände - seine Kinder - in ihrer Mitte, werden sie meinen Namen heiligen; sie werden den Heiligen Jakobs heiligen und den Gott Israels fürchten.

Und die, welche irren in ihrem Geist, werden Verstand annehmen, und die, welche murren, werden sich belehren lassen. (Jesaja 29,17-24)


"Wohlan, es ist noch eine kleine Weile", sagt der Prophet - und Gott hat Wort gehalten und sein Volk 70 Jahre später ins Land zurückkehren lassen. Der zerstörte Tempel wurde wieder aufgebaut und das Leben ging weiter. Allerdings, wenn wir das Land heute betrachten - ich überspringe jetzt viele hundert Jahre Geschichte - sehen wir ebenfalls viele Risse.

Da wo einst der Tempel stand, der heiligste Ort Israels, auf dem Tempelberg, steht heute ein großes Heiligtum der Moslems - man kann sich vorstellen, dass das für das Verhältnis zwischen Juden und Moslems nicht gerade förderlich ist. Es verläuft ein Riss zwischen Moslems und Juden.

Quer durchs Land zieht sich eine Mauer, die fatal an die ehemalige deutsch-deutsche Grenze erinnert. Sie markiert den Riss zwischen Israelis und Palästinensern. Überall im Land trifft man auf bewaffnete Soldaten. Sie erinnern daran, dass Israel sich ständig in seiner Existenz bedroht sieht.

Wir leben in einer zerrissenen Welt - egal wo wir hinschauen, immer wieder begegnen wir diesem Phänomen. Und nicht nur zwischen Menschen finden wir diesen Riss - auch in uns selbst finden wir ihn. Zwischen dem was wir tun wollen und dem was wir tun, ist oft genug ein Riss. Zwischen dem was wir lassen wollen und dem was wir trotzdem tun, ist oft genug ein Riss. Jedenfalls ist das in meinem Leben so.

Die Bibel sagt uns, dass diese Risse in unserer Welt ihre tiefste Ursache in dem Riss haben, der zwischen Gott und Mensch verläuft. Die Folge davon ist, dass Sünde, Eigenwille und menschlicher Stolz am Werk sind und Unheil in diese Welt bringen. Und es ist uns Menschen nicht gegeben, diesen Riss aus eigener Kraft zu überwinden.

Aber die gute Nachricht lautet, dass Gott selbst daran arbeitet, die Risse dieser Welt zu überwinden.

An vielen Stellen der Bibel begegnet er uns als derjenige, der auf die Menschen zugeht, der in ihr Leben hinein spricht, ihnen Propheten oder Engel sendet, ihnen Zeichen gibt und schließlich selbst als Mensch unter Menschen erscheint, in Jesus Christus, um am Kreuz selbst in diesen Riss hineinzutreten. Gott überwindet unsere Zerrissenheit und er kündigt dies durch seine Propheten an.

Natürlich sind die Prophetenworte immer in eine konkrete Situation hinein gesagt, aber trotzdem haftet ihnen etwas Zeitloses an. Bis heute möchte Gott durch sein Wort zu uns sprechen.

Aus dem langen Predigttext möchte ich nur einen Vers herausgreifen, der mir wichtig geworden ist: Vers 19:"Die Elenden werden wieder Freude haben am Herrn". Was für ein Wort! Alles wird gut.

Die Elenden, wörtlich verstanden sind das sind diejenigen, die kein eigenes Land besitzen, denen es wirtschaftlich schlecht geht. Es sind aber auch diejenigen, die krank sind. Es sind diejenigen, die trauern und leiden.

Es sind die Menschen, die glauben, dass Gott sie vergessen hat. Es sind diejenigen, die in ihrem Leiden immer wieder die Erfahrung machen, dass andere Menschen ihnen den Rücken zukehren, und sie in ihrem Elend alleine lassen, sei es aus Unsicherheit, sei es aus Egoismus. Die Elenden sind Menschen, die das Gefühl haben, von ihrer eigenen Schuld erdrückt zu werden. Und denen sagt Gott: "Ich kenne dich. Du bist mir nicht egal. Es lässt mich nicht kalt, wenn du leidest. Ich werde den Riss überwinden. Die Elenden werden wieder Freude haben am Herrn!"

Für manche mag das ein ungewohnter Gedanke sein, Freude am Herrn zu haben. Freude - das hat doch eher was mit Spaß zu tun - Freude, das ist Brarupmarkt oder Fete machen oder ins Fantasie gehen oder ähnliches - aber doch nicht Gott! Gott ist eher etwas zutiefst Fremdes; ist vielleicht sogar etwas Bedrohliches, aber doch keine Quelle der Freude! Und genau das ist der Riss, der zwischen Gott und Mensch liegt.

Aber da, wo Gott diese Kluft überwindet, macht sich Freude breit. Wir sind dazu berufen! Wir sollen Freude am Herrn haben! "Die Freude am Herrn ist eure Stärke", sagt die Schrift. (Nehemia 8,10)

Manche haben es vielleicht schon einmal erlebt, als sie gesegnet wurden, wie sich plötzlich eine unbeschreibliche Freude in ihnen ausbreitet. Oder sie sind zur Beichte gegangen und haben gemerkt, als ihnen die Vergebung der Sünden zugesprochen wurde, wie Gott ihr Leben anrührt und sie mit einer überirdischen Leichtigkeit und Freude erfüllt. Das ist sein Ziel, dass wir Freude haben an ihm. "Die Elenden werden wieder Freude haben am Herrn"

Alles wird gut. Nicht der Tod, nicht der Riss, nicht die Verzweiflung wird das letzte Wort über unser Leben haben, sondern Gottes Liebe.

Daran möchte uns der wunderbare Engel erinnern, den Jochen Rasch geschaffen hat. Es läuft ein Spalt quer durch die ganze Figur - aber gerade daran zeigt sich, dass Gott diesen Riss überwinden möchte. Er hält durch seine Liebe beide Seiten zusammen.

Amen



Zum Seitenanfang

Valid HTML 4.01 Webseite der Kirchengemeinde Havetoft.                  Impressum: siehe Kontakt!             Webmaster: J. Arndt Letzte Redaktion: 16.09.2011