Kirchengemeinde Havetoft - Predigt über Markus 1,40-45


Predigt über Markus 1,40-45

 

Gehalten am 25.09.2011 von Pastor Jörg Arndt, Havetoft



"Und es kam zu ihm ein Aussätziger, der bat ihn, kniete nieder und sprach zu ihm: Willst du, so kannst du mich reinigen. Und es jammerte ihn, und er streckte die Hand aus, rührte ihn an und sprach zu ihm: Ich will's tun; sei rein! Und sogleich wich der Aussatz von ihm, und er wurde rein. Und Jesus drohte ihm und trieb ihn alsbald von sich und sprach zu ihm: Sieh zu, dass du niemandem etwas sagst; sondern geh hin und zeige dich dem Priester und opfere für deine Reinigung, was Mose geboten hat, ihnen zum Zeugnis.

Er aber ging fort und fing an, viel davon zu reden und die Geschichte bekanntzumachen, so dass Jesus hinfort nicht mehr öffentlich in eine Stadt gehen konnte; sondern er war draußen an einsamen Orten; doch sie kamen zu ihm von allen Enden." (Markus 1,40-45)


Da ist ein junger Mann, es geht ihm gut, er ist erfolgreich im Beruf, hat eine nette Frau, hat drei kleine Kinder, hat ein eigenes Häuschen - und plötzlich entdeckt er merkwürdige Flecken auf seiner Haut. Er geht damit zum Arzt, der untersucht ihn mit besorgter Miene und sagt schließlich: "Es tut mit leid, aber das ist Vorschrift, damit musst du dich dem Priester zeigen." Der Mann wird etwas nervös, geht aber gehorsam zum Priester; dieser untersucht die Flecken auf der Haut ebenfalls und sagt schließlich: "Du bist aussätzig."

Diese Worte sind schlimmer als ein Todesurteil. Denn sie bedeuten, dass der Mann sich nicht einmal mehr von Frau und Kindern verabschieden darf, er muss sofort die Stadt verlassen und in das Sperrgebiet gehen, in dem die anderen Aussätzigen leben. Fortan darf er sich keinem gesunden Menschen mehr nähern. Er soll zerrissene Kleidung tragen und muss, wenn er in die Nähe anderer Menschen kommt, laut "unrein, unrein" rufen. Er war also nicht nur krank, sondern im wahrsten Sinne des Wortes ein Ausgestoßener. Medizinisch gesehen konnte es sich dabei um ganz unterschiedliche Krankheiten handeln. Es konnte Lepra sein, aber auch Hautkrankheiten, wie etwa die Schuppenflechte.

Ein schlechtes Gewissen hatten die Menschen dabei nicht, wenn sie mit den Aussätzigen so verfuhren, denn sie gingen davon aus, dass Aussatz eine Strafe Gottes ist. Das heißt, wer in dieser Weise krank wurde, hatte es nicht besser verdient. Er muss wohl entsprechend gesündigt haben. Ein ganz ähnliches Denkmuster begegnet uns heutzutage gelegentlich, wenn über AIDS diskutiert wird...

Was mag in diesem Menschen vorgegangen sein... Krank, von Freunden und Familie getrennt, von Gott verlassen.

Wenn man das bedenkt, dann versteht man, dass schon der Anfang der Geschichte eine Ungeheuerlichkeit ist. Ein klarer Gesetzesbruch. Es klingt so lapidar, was Markus schreibt: "Und es kam zu ihm ein Aussätziger, der bat ihn, kniete nieder und sprach zu ihm ..."

Das darf der gar nicht! Der hat gefälligst Abstand zu halten und sein "unrein, unrein" zu rufen!

Darum kann ich mir gut vorstellen, dass er sich die Sache nicht einfach gemacht hat. Mit Sicherheit gab es eine Stimme in ihm, die sagte: "Das darfst du nicht tun. Das steht dir nicht zu. Du bist unrein, unwürdig, von Gott verflucht. Und wenn du diesem Manne zu nahe kommst, dann machst du ihn ebenfalls unrein."

Vielleicht sind einige unter uns, die ganz ähnliche Gedanken kennen. Die von sich selber meinen, dass sie unrein sind, dass sie nicht wert sind, Gott zu begegnen. Warum auch immer - vielleicht weil sie dieselbe Sünde immer wieder begehen. Vielleicht, weil sie meinen, dass sie nicht genug Gutes in ihrem Leben getan haben. Vielleicht, weil es eine schwere Schuld gibt, die einfach drückt. Sie trauen sich nicht nach vorne, wenn das Abendmahl gefeiert wird. Sie trauen sich kaum noch zu beten, fühlen sich unwürdig - und der Pastor ist immer so beschäftigt, den mag man auch nicht damit behelligen.... Damit sitzen sie in einer geistlichen Sackgasse. Der einzige, der helfen kann, ist Jesus, aber wenn man sich zu unwürdig fühlt, um zu ihm zu kommen, wie soll man denn da zur Freiheit finden?

Der Aussätzige hat diese Zusammenhänge durchschaut, und er hat verstanden, wer Jesus ist. Das erkennt man an der Art und Weise, wie er mit Jesus umgeht. Er heult ihm nicht die Ohren voll nach Art der orientalischen Bettler, die meinen, dass sie umso mehr Zuwendung bekommen, je lauter sie jammern. Sondern was er zu Jesus sagt, klingt ganz sachlich: "Wenn du willst, dann kannst du mich reinigen". Zugleich kniet er sich vor ihm hin. Beides, das Knien und diese Worte zeigen, dass er Jesus für den Messias hält - oder wie wir sagen würden, für den Christus. Denn das Reinigen von Aussätzigen ist eines seiner Zeichen. Wir erinnern uns: als Johannes der Täufer vom Gefängnis aus fragte, ob Jesus der Messias sei oder ob man noch auf einen anderen warten müsse, bekam er von ihm zu hören: "Blinde sehen und Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören, Tote stehen auf, und Armen wird das Evangelium gepredigt". (Matthäus 11,5) Mit anderen Worten: ja, ich bin es, meine Zeichen sprechen für sich.

Da kniet also nun dieser Aussätzige vor Jesus und spricht ihm sein Vertrauen aus. Und immer, wo dies im Neuen Testament geschieht, immer wo jemand sein Vertrauen ganz auf Jesus setzt, wird dieses Vertrauen auch belohnt. So auch hier. Die Leute haben sich von den Aussätzigen ferngehalten. Aber Jesus hat sich diesem Mann zugewendet. Luther übersetzt: "Es jammerte ihn". Im griechischen Verb, das an dieser Stelle im Urtext steht, steckt das Wort für "Eingeweide" drin. Also "es ging ihm an die Nieren" oder "es rührte ihn ans Herz", "es ging ihm durch und durch", diesen Mann zu sehen.

Und das finde ich so toll. Er, der Sohn Gottes, der König der Könige, lässt sich von dem Schicksal eines Menschen anrühren, den andere längst abgeschrieben haben. Er sieht den liebevoll an, den sonst keiner mehr ansieht, der zum Abschaum gerechnet wird, und leidet mit ihm mit. Ich bin dankbar, zu diesem wunderbaren Menschen zu gehören. Um der Liebe willen tut Dinge, die für andere Menschen völlig undenkbar sind.

Ich kann mir vorstellen, dass einige Fromme diese Szene von ferne beobachtet haben. Ich stelle mir vor, wie sie zusammen gezuckt sind, als der Aussätzige so nah heran kam, sie wundern sich, dass Jesus mit ihm spricht, anstatt auf Abstand zu gehen und dann glauben sie ihren Augen nicht zu trauen: da srteckt er doch tatsächlich seine Hand aus und berührt diesen Menschen. Das geht gar nicht! Wer das tut, wird selbst unrein! Aber das Wunder passiert. Nicht Jesus wird unrein, sondern der Aussätzige wird gereinigt. D.h., was hier passiert, ist viel mehr als ein Heilungswunder. Der wird nicht nur einer gesund, da wird einer ganz neu hineingenommen in die Gemeinschaft mit Gott. Es ist ein heiliger Moment.

Bis heute ist das so, da wo Jesus das Leben von Menschen anrührt, wo er vielleicht sogar ihre Wunden anrührt, wo Menschen Heilung und Vergebung erfahren, das ist ein heiliger Moment. Da wird etwas neu.

Plötzlich aber wird dieser heiliger Moment gestört. Und merkwürdigerweise ist es Jesus selbst, der ihn unterbricht. In Vers 43 heißt es: "Jesus drohte ihm und schrieb ihm als bald von sich und sprach zu ihm: sieh zu, dass du niemandem etwas sagst sondern geh hin und zeige dich dem Priester und opfere für deine Reinigung, was Mose geboten hat, ihnen zum Zeugnis"

Was soll das?

Das mit den Priestern leuchtet ja noch ein. Das ist die vom Gesetz vorgeschriebene Vorgehensweise für den seltenen Fall einer Heilung. Aber warum dieses Schweigegebot? Sonst wird in der Bibel doch eher dazu aufgerufen, die wunderbaren Taten Gottes weiter zu erzählen, ihm zur Ehre und anderen zur Stärkung. Warum sollte dieser Mann schweigen, was ohnehin unrealistisch ist, denn spätestens, wenn er zu seiner Familie zurückgekehrt, wird sie Fragen stellen.

Ganz offensichtlich möchte Jesus keine Publicity. Er ist kein Popstar, der den Rummel um seine Person genießt. Er möchte einzelnen Menschen begegnen und das wird schwierig, wenn von überallher die Schaulustigen gelaufen kommen um den Wundertäter zu bestaunen und vielleicht selbst ein Wunder mitzuerleben. So merkwürdig das klingt: Jesus ist nicht in dieser Welt gekommen, um Kranke zu heilen. Er hat geheilt. Er heilt auch heute noch. Aber er ist kein Wunderdoktor. Er ist in diese Welt gekommen, um das Reich Gottes zu predigen. Er ist gekommen, um Menschen mit Gott zu versöhnen.

Darum würde er auch niemals diesem Satz zustimmen, den man so oft hört: "Hauptsache gesund". Nein! Hauptsache, Du hast Frieden mit Gott! Hauptsache, dein ewiges Leben ist gesichert! Hauptsache, Du hast Vergebung deiner Sünden! Lieber krank ins Paradies kommen, als gesund in die Hölle.

Ende des 19. Jahrhunderts gab es einen berühmten Pastor, Johann Christoph Blumhardt, der in Bad Boll tätig war. Er war ein vollmächtiger Seelsorger, und es wurden bei ihm viele Menschen gesund. Aber er hat immer wieder darauf hingewiesen, dass das nicht das wichtigste sei. Das Wichtigste ist die Bekehrung! Er hat gesagt: "Wollen wir Glück und Segen und Gesundheit, und wollen wir's erlangen ohne Bekehrung, so gehen wir einen verkehrten Weg"

Pfarrer Wilhelm Busch, der bis 1962 im Ruhrgebiet tätig war, erzählte, wie er einmal ins Krankenhaus zu einem Sterbenden gerufen wurde. Dessen Frau bedrängte ihn, dass er ihm das Abendmahl reichen solle. Pastor Busch wollte erst nicht, weil es dem Mann schon so schlecht ging, dass es ihm eine unnötige Qual schien. Doch die Frau bestand darauf, ihr Mann solle das Abendmahl bekommen, damit er selig werden könne, daraufhin erwiderte Pastor Busch: "Wir werden selig durch Jesus Christus. Wenn ihr Mann ihn als seinen Herrn und Heiland angenommen hat, dann ist er errettet, auch wenn er jetzt nicht das Abendmahl nimmt. Und ohne Jesus - da hilft auch kein Abendmahl." Aber die Frau ließ nicht locker. Schließlich wurde der Mann wach und Pastor Busch reichte ihm das Abendmahl. Befriedigt sank der Mann zurück in seine Kissen. Der Pastor blieb anschließend noch eine Weile im Krankenhaus und führte einige Gespräche, schließlich sah er noch einmal nach dem Mann. Unerwartet saß dieser in seinem Bett und freute sich zusammen mit seiner Frau, denn es ging ihm plötzlich viel besser. Weiter schreibt Busch: "Es war erstaunlich. Aber warum sollte das nicht stimmen? Es läuft mancher durch die Straßen, den die Ärzte einmal aufgegeben hatten. Und die Freude der beiden steckte einfach an. Da musste man sich mitfreuen.

Ich nahm die Hand des Kranken: "Wie glücklich bin ich, dass ich das miterleben darf." Und nun ergriff mich dieser Wechsel der Situation mächtig. Ich musste noch ein Wort sagen: "Lieber Mann, als sie an den Pforten der Ewigkeit standen, ist der Herr Jesus zu ihnen gekommen mit seiner Gnade. Lassen Sie nun nicht mehr von diesem Heiland!"

Da ging auf einmal ein abscheuliches Grinsen über das Gesicht des Mannes - es war wie ein Flammenschein der Hölle. Spöttisch lächelnd sagte er: "Ach, das alles brauche ich doch nicht mehr. Ich lebe ja wieder!"

Erschüttert hörte ich diese unglaubliche Rede. Jedes Wort blieb mir in der Kehle stecken. Und während ich noch so stand, griff der Patient plötzlich nach seinem Herzen und sank langsam zurück. Er war tot! Da bin ich in die Nacht geflohen."



Im Grunde stellt sich hinsichtlich unserer Beziehung zu Jesus die gleiche Frage wie bei jeder menschlichen Beziehung: willst du ihn, geht es dir um ihn als Person - oder willst Du nur etwas von ihm, ist er dir nur Mittel zum Zweck?

Jesus möchte uns so reich beschenken. Er möchte uns reinigen, möchte uns die Tür zur Fülle des Vaters öffnen. Falsche Bescheidenheit wäre dort unangebracht. Es wäre einfach dumm zu sagen "ach besten Dank, mir reicht ein bisschen Gesundheit, ein bisschen Glück im Leben, ansonsten lass mich bitte in Ruhe." Manche tun das, vielleicht weil sie die Konsequenzen fürchten. Der Gedanke, mit Gott zu leben, ist ihnen unheimlich.

Aber es ist das Schönste, was einem Menschen passieren kann. Wir sind dazu geschaffen, mit Gott zu leben. Er wollte uns als seine Gegenüber und Gesprächspartner.

Wir sollten uns nicht mit weniger zufrieden geben.

Amen





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