Kirchengemeinde Havetoft - Predigt über Sprüche 30, 1-9


Predigt über Sprüche 30, 1-9

 

Gehalten am 02.10.2011 von Pastor Jörg Arndt, Havetoft
(Erntedankfest)

Wieder mal ist Erntedankfest und ich freue mich über die schön geschmückte Kirche. Gerade in diesem Jahr haben wir ja erfahren, wie wenig selbstverständlich es ist, dass wir ernten können, und dass wir zu essen haben. Trotz all unserer Technik bleiben wir abhängig - viele Wochen Regen haben uns an unsere Grenzen geführt, und dazu beigetragen, dass wir das gute Wetter ganz neu schätzen gelernt haben. Wir sind in Gottes Hand, wir sind von ihm abhängig, ob es uns nun gefällt oder nicht. Der Dank an Gott ist ein guter Weg, um sich diese Zusammenhänge bewusst zu machen - und ich persönlich finde es viel schöner, die Abhängigkeit von Gott zu feiern, ein Erntedankfest zu feiern, als sich darüber zu ärgern und vergeblich zu versuchen, dagegen anzukämpfen.

Unser heutiger Predigttext wird uns ein wenig vom eigentlichen Thema des Sonntags wegführen, er hat wenig mit Ernte und dem Dank dafür zu tun - aber trotzdem hat er uns eine Menge zu sagen, das gut zu diesem Anlass passt und was ich für wichtig halte, heute gehört zu werden.

Vor etwa 3000 Jahren lebte in Israel ein Mann, von dem wir so gut wie gar nichts wissen. Sein Name ist Agur, Sohn des Jake. Wir kennen ihn nur deswegen, weil ein Kapitel aus dem biblischen Buch der Sprüche von ihm stammt, das im Alten Testament zu finden ist und das zur sogenannten Weisheitsliteratur gezählt wird. Manche kennen dieses Buch auch unter dem Titel "Sprüche Salomons".

Niemand weiß heute mehr, wie es dazu kam, dass dieser unbekannte Mann seinen Teil zur heiligen Schrift beigetragen hat, und wie wir seinen eigenen Worten entnehmen können, hätte es ihn selbst vermutlich überrascht. Er hielt sich nämlich nicht für besonders weise - ganz im Gegenteil. Er ist an seinem Verstand verzweifelt, nachdem er lange über Gott und die Welt nachgedacht hat. Er hat sich sozusagen das Hirn verrenkt - und das geht heute noch jedem Menschen so, der versucht, Gott mit seinem Verstand zu erfassen. Bemerkenswert ist immerhin, dass er das zugibt, denn gewöhnlich ist es ja eher so, wie ein Schülerspruch feststellt, dass der Mensch mit nichts zufrieden ist auf der Welt - ausgenommen mit seinem Verstand. Je weniger er davon hat, desto zufriedener ist er.

Im Buch der Sprüche, Kapitel 30 lesen wir:

"Dies sind die Worte Agurs, des Sohnes des Jake, aus Massa.

Es spricht der Mann: Ich habe mich gemüht, o Gott, ich habe mich gemüht, o Gott, und muss davon lassen. Denn ich bin der Allertörichtste, und Menschenverstand habe ich nicht. Weisheit hab ich nicht gelernt, und Erkenntnis des Heiligen habe ich nicht.

Wer ist hinaufgefahren zum Himmel und wieder herab? Wer hat den Wind in seine Hände gefasst? Wer hat die Wasser in ein Kleid gebunden? Wer hat alle Enden der Welt bestimmt? Wie heißt er? Und wie heißt sein Sohn? Weißt du das?"
(Sprüche 30,1-5)

Ich finde es spannend, mit welchen Fragen er sich herumgeschlagen hat. Natürlich muss man die etwas altertümliche Sprache erst einmal entschlüsseln, aber dann begegnen wir Gedanken, die die Menschen unserer Tage immer noch beschäftigen.

Wer ist hinaufgefahren zum Himmel und wieder herab?

Mit anderen Worten: wer kann uns etwas Verlässliches sagen über Gott und den Himmel und die unsichtbare Welt? Es gibt damals wie heute eine Menge Klugschnacker auf diesem Gebiet, aber wer von ihnen erzählt das Richtige? Wenn ich Informationen über ein fremdes Land haben will, dann unterhalte ich mich am besten mit jemandem, der schon mal da war. Aber wer war schon mal im Himmel, wer kann was darüber sagen?

Wir werden später sehen, dass Agur für dieses Teilproblem sogar eine gute Antwort gefunden hat und darüber hinaus Gedanken entwickelt hat, die dazu geführt haben, dass dieser Abschnitt aus dem Buch der Sprüche zu den Texten gehört, die für das Erntedankfest vorgeschlagen werden.

Wer hat den Wind in seine Hände gefasst? Wer hat die Wasser in ein Kleid gebunden?

Mit anderen Worten: wer herrscht über Wind und Wasser? Wie entsteht das Wetter? Wie kommt es, dass nur ein Teil der Erde von Wasser bedeckt ist, dass das Meer eine Grenze hat, die es nicht überschreitet?

Wir haben in unserer heutigen Zeit eine ganze Reihe Antworten gefunden, können Zusammenhänge erklären, die damals vor 3000 Jahren natürlich überhaupt nicht bekannt waren, aber auch heute merken wir, dass unsere Erklärungen auf Grenzen stoßen. Wir können zwar das Wetter vorhersagen, aber nur für einen sehr begrenzten Zeitraum. Mit fortschreitender Technik wird es uns vermutlich gelingen, diesen Zeitraum ein wenig auszudehnen, aber irgendwann ist Schluss. Die Kräfte, die da am Werk sind, sind so komplex, dass sie sich jeder Berechnung entziehen. Ich erinnere an das berühmte Beispiel vom Schmetterling, der in China mit den Flügeln schlägt und im Endeffekt dazu beiträgt, dass in Mexiko ein Wirbelsturm entsteht.

Und da stellt sich immer noch die Frage: Ist es Gott, der letztlich alles in Händen hält? Oder ist es reiner Zufall? Man kann die gleiche Fragestellung auf das ganze Leben anwenden - gibt es einen Gott, der einen Plan für mein Leben hat, der mich segnet und Dinge in meinem Leben geschehen lässt, für die ich ihm als dem Geber aller Gaben danken kann - oder ist alles nur blinder Zufall? Gibt es Gott - oder ist das nur ein Kindermärchen? Wer hat ihn gesehen und kann verlässlich davon berichten?

Merken Sie, wie aktuell diese Fragen sind, mit denen Agur sich da herumplagt?

"Wer hat alle Enden der Welt bestimmt?"

Ich war gestern abend los zum Sterne kucken. Es war ein phantastischer Sternenhimmel, kein störendes Mondlicht, man konnte die Milchstraße sehen, es war ein wunderbarer Anblick. Wenn man dann noch durchs Teleskop schaut und sich einige Objekte ansieht, die mehrere Millionen Lichtjahre von uns entfernt sind - das ist schon gewaltig. Fast automatisch stellt sich da die Frage: wo ist das Ende der Welt? Wieso gibt es überhaupt das alles? Wer hat es ins Leben gerufen? Wieso ist nicht nichts?

Unsere Naturwissenschaftler haben die sogenannte Standardtheorie erarbeitet, die alles vom Urknall her erklären will, aber letztlich verschiebt es nur das Problem: wieso hat es denn geknallt? Wo kam das her? Und wieso ist als Ergebnis des Knalls nicht ein großes Chaos entstanden, sondern ein wohlgeordneter Kosmos mit klaren Strukturen, die sich mathematisch exakt beschreiben lassen? Also:

"Wer hat alle Enden der Welt bestimmt? Wie heißt er? Und wie heißt sein Sohn? Weißt du das?"

Was für eine interessante Frage. Woher weiß Agur vom Sohn Gottes? Er lebte 1000 Jahre vor Christus, der konnte von Jesus noch nichts wissen! Ich habe den Eindruck, dass Gott hier selbst schon am Werk ist, dass sein Geist in Agur zu wirken begonnen hat und ihn die richtigen Fragen stellen lässt. Das ist ja das so eine ganz spezielle Geschichte mit Gott - man kann nicht einfach so unverbindlich über ihn nachdenken, sondern wenn man das tut, wenn man wirklich mit ganzem Ernst nach ihm fragt, dann stellt man irgendwann fest, dass die ganze Sache sich umkehrt. Gott ist nicht Objekt, er ist Subjekt. Nicht ich frage nach Gott, sondern Gott fragt nach mir. Nicht ich bin es, der auf der Suche nach Gott ist, sondern er hat sich auf die Suche nach mir begeben - und hat seinen Sohn in diese Welt gesandt, um mir zu begegnen, um mich zu erretten.

Ich kenne manche Menschen, denen es ganz ähnlich wie Agur geht, die sich mit schweren geistlichen Fragen quälen. Viele dieser Fragen fangen mit "warum" an. Und oft genug schwingt darin eine Anklage mit. "Gott, wie kannst du nur - wenn es dich gibt, warum hast du es dann so lange regnen lassen, so dass ein Teil der Ernte verdorben ist? Warum gibt es Hunger auf dieser Welt? Warum gibt es Kriege? Und warum sterben Menschen, die uns doch so viel bedeutet haben?"

Wenn solche Fragen nicht nur als kleines Hobby betrieben, sondern mit ganzem Ernst gestellt werden, können sie zu einer schweren Last werden. Eine Last, die auch erdrücken kann. Denn man kann sich das Hirn darüber zermartern und kommt doch zu keiner Lösung. Gott ist Gott und er weigert sich, vor unserem persönlichen Gerichtshof zu erscheinen, um uns Rede und Antwort zu stehen.

Die Erfahrung aber, die Agur gemacht hat, kann man auch heute noch machen. Am Anfang seiner Gotteserkenntnis, die aus dem folgenden Abschnitt spricht, steht die Kapitulation. Er bekennt: "Gott, ich kann es nicht aus eigener Kraft. Mein Verstand ist zu klein." Es scheint ein geistliches Gesetz zu sein, dass der Mensch nicht bereit ist, sich auf Gott einzulassen, solange noch Hoffnung besteht, die Dinge aus eigener Kraft zu regeln. Aber wenn wir an unsere Grenzen kommen, sei es an die Grenzen unseres Verstandes oder an die Grenzen unserer Möglichkeiten oder unserer Kraft, und diese Grenzen auch eingestehen, dann haben wir eine gute Chance auf eine Antwort von ihm.

Und dann ist eigentlich auch erst der Bereich erreicht, in dem wir ihm von Herzen danken können. Erntedank ist ja eine tolle Sache, und es ist schön, dass die Kirche heute so voll ist und viele Menschen sich rufen lassen, Gott an diesem Tag für die Gaben dieses Jahres zu danken, aber ich habe doch den Verdacht, dass bei vielen, bei mir auch, im Hinterkopf der Gedanke schlummert: "Klar, Gott war schon irgendwie mit am Werk, aber im Grunde hätte ich es auch alleine geschafft. Ich war schließlich derjenige, der das Unkraut in Garten gezupft hat, ich habe den Acker bestellt, ich habe gesät und gedüngt und gemacht und getan - also: Danke lieber Gott für meine Tüchtigkeit!".

Wenn wir aber einen Punkt erreicht haben, an dem wir wirklich alles getan haben, was in unserer Macht steht und keinen Erfolg hatten, und wenn wir dann beten und sagen: "Herr ich kann nicht mehr, bitte hilf du mir."... - Was es auch ist: "Besorge du mir einen Job, mach' du mich gesund, hilf du, dass es mit unserer Ehe wieder besser wird" - wenn wir so beten und das Wunder tatsächlich passiert, um das wir gebetet haben, dann wissen wir auch, wem wir zu danken haben, denn wir selbst haben es ja nicht hinbekommen. Die Kapitulation ist ein wichtiger geistlicher Schritt.

Nachdem Agur soweit war, einzusehen, dass er die Grenze seines Verstandes erreicht hatte, hat Gott ihm den Blick für sein Wort geöffnet. Er hat ihm gezeigt, dass nicht die Menschen sich abmühen müssen, um aus eigener Kraft zu Gott zu finden, sondern Gott ist zu uns gekommen, hat zu uns gesprochen und spricht bis heute. Agur schreibt:

"Alle Worte Gottes sind durchläutert; er ist ein Schild denen, die auf ihn trauen. Tu nichts zu seinen Worten hinzu, dass er dich nicht zur Rechenschaft ziehe und du als Lügner dastehst." (Sprüche 30, 5-6)

Allein diese zwei Verse wären eine ganze Predigt wert. Plötzlich erlebt Agur, der sich vorher so gequält hat, dass Gott auf seiner Seite ist. Er fragt nicht mehr "wer ist zum Himmel gereist und kann mir Auskunft geben" sondern er stellt fest: "Hey, ich habe hier sein Wort! Und das ist zuverlässig! Und das hilft mir weiter! Und ich erlebe plötzlich, dass Gott auf meiner Seite steht: ich vertraue ihm und er beschützt mich! Gott ist mein Schild!" - gemeint ist natürlich kein Straßenschild, sondern der Schild der Soldaten, mit dem sie gegnerische Attacken abgewehrt haben, hinter dem sie Schutz fanden vor Pfeilen und Steinen und Schwerthieben.

Trau auf Gott und er wird auf deiner Seite sein, du wirst bei ihm Schutz finden und jede Menge zu danken haben.

Und nun, wo er in dieses Vertrauensverhältnis hinein gefunden hat, wagt Agur auch zu bitten.

Angenommen, Sie hätten einen Wunsch frei bei Gott. Ein Gebet, das er auf jeden Fall erhört, was wäre das für ein Gebet? Um was würden Sie ihn bitten? Gesundheit? Reichtum? Langes Leben? Was wäre das?

...

Hören wir mal, was Agur bittet:

"Zweierlei bitte ich von dir, das wollest du mir nicht verweigern, ehe denn ich sterbe: Falschheit und Lüge lass ferne von mir sein; Armut und Reichtum gib mir nicht; lass mich aber mein Teil Speise dahin nehmen, das du mir beschieden hast. Ich könnte sonst, wenn ich zu satt würde, verleugnen und sagen: Wer ist der HERR? Oder wenn ich zu arm würde, könnte ich stehlen und mich an dem Namen meines Gottes vergreifen." (Sprüche 30, 7-9)

Offensichtlich hat Agur nicht nur an seinem Verstand gezweifelt, sondern auch an seiner Charakterstärke. Er bittet um Wahrhaftigkeit. Um Integrität. "Herr, bitte mache mich zu einem ehrlichen Menschen. Halte mich fern von der Lüge."

Ich weiß nicht, ob es heute noch Menschen gibt, die so beten. Oder ob es eher klingt wie "ach lieber Gott, mach doch, dass die Versicherung nicht merkt, dass ich sie bescheißen will". Mit der Begründung: "Ich musste doch lügen, sonst hätte die Haftpflicht nicht bezahlt".

Jeder hat so seine Prioritäten...

Bei Agur sind es offensichtlich andere.

Und ganz spannend finde ich, dass er betet: "Bitte Herr, lass mich nicht im Lotto gewinnen".

Wer Probleme hat mit dem Gebet, wer sagt, ach, Gott erhört ja meine Gebete ja doch nicht, dem kann ich dieses Gebet empfehlen: "Bitte lass mich nicht im Lotto gewinnen".

Das funktioniert garantiert - vor allem wenn man den Lottoschein nicht abgibt und stattdessen das Geld lieber für einen guten Zweck spendet.

Also: Agur traut sich selbst nicht über den Weg. Er sagt, wenn ich zu reich würde, dann könnte ich auf die Idee kommen, mich von Gott wieder abzuwenden. Ich könnte, nachdem ich endlich den Weg zu ihm gefunden habe, sagen: "Was solls, wozu brauche ich Gott? Mir geht's doch gut! Ich habe alles, was ich brauche! Und das wäre furchtbar, denn dann hätte ich in Wahrheit alles verloren."

Unsere arme Nation. Uns geht es so gut, wir haben den höchsten Lebensstandard aller Zeiten. Wir können uns Dinge leisten, von denen unsere Großeltern nicht einmal träumen konnten. Aber uns ist genau das passiert, wovor sich Agur gefürchtet hat. Wir sagen "wer ist schon Gott - den brauchen wir nicht mehr". Deutschland war einmal berühmt für seine geistlichen Erkenntnisse, wir galten als das Volk der Dichter und Denker, das Land der Reformation - aber das alles ist mittlerweile im Luxus versunken. Selbst die Theologie ist von dem Gedanken beherrscht, dass wir Gott nicht wirklich brauchen, dass wir seinem Wort nicht trauen können und dass wir selbst unseres Glückes Schmied sind.

Uns ist nicht die Macht gegeben, das zu ändern. Aber wir können von der Weisheit Agurs profitieren: Wenn wir uns nicht dazu verführen lassen, das Streben nach Reichtum an die erste Stelle zu setzen, sondern Gott den ersten Platz in unserem Leben einräumen. Wenn uns Wahrhaftigkeit wichtig bleibt, auch wenn wir tagtäglich belogen werden - von unseren Politikern, von der Werbung und von allen möglichen anderen Menschen, denen Macht und Reichtum wichtiger sind als die Wahrheit.

Und wenn wir die Chance ergreifen, dass wir in Gott unseren Beschützer und Versorger finden, der uns zur richtigen Zeit das schenken wird, was wir zum Leben brauchen.

Amen.



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