Kirchengemeinde Havetoft - Predigt über Klagelieder 3


Predigt über Klagelieder 3

 

Gehalten am 09.10.2011 von Pastor Jörg Arndt, Havetoft
(16.nTr.)

Der heutige Predigttext steht im Buch der Klagelieder und wenn man da hinein schaut, kann man einen ganz schönen Schreck bekommen. Da ist nichts mit "lieber Gott", sondern da geht es ganz schön zur Sache. Traditionell gilt der Prophet Jeremia als der Urheber der Klagelieder und er schreibt:

"Ich bin der Mann, der Elend sehen muss durch die Rute des Grimmes Gottes. Er hat mich geführt und gehen lassen in die Finsternis und nicht ins Licht. Er hat seine Hand gewendet gegen mich und erhebt sie gegen mich Tag für Tag. Er hat mir Fleisch und Haut alt gemacht und mein Gebein zerschlagen. Er hat mich ringsum eingeschlossen und mich mit Bitternis und Mühsal umgeben. Er hat mich in Finsternis versetzt wie die, die längst tot sind. Er hat mich ummauert, dass ich nicht heraus kann, und mich in harte Fesseln gelegt. Und wenn ich auch schreie und rufe, so stopft er sich die Ohren zu vor meinem Gebet." (Klagelieder 3,1-8)

Das ist heftig, oder?

Ist so Gott?

"Er hat meinen Weg vermauert mit Quadern und meinen Pfad zum Irrweg gemacht. Er hat auf mich gelauert wie ein Bär, wie ein Löwe im Verborgenen. Er lässt mich den Weg verfehlen, er hat mich zerfleischt und zunichte gemacht. Er hat seinen Bogen gespannt und mich dem Pfeil zum Ziel gegeben. Er hat mir seine Pfeile in die Nieren geschossen." ( Klagelieder 3:9-13)

Immerhin, der Beter wendet sich nicht von Gott ab. Er sagt nicht, wie man es heute so oft hört, "auf solch einen Gott kann ich verzichten" - als könne man sich seinen Gott aussuchen, als läge es bei uns, zu bestimmen, wie Gott zu sein hat.

Trotzdem bleibt die Frage: Ist denn Gott so, wie er hier erscheint?

Und wenn er es nicht ist, woher kommt dann das Böse und das Leiden in dieser Welt?

Leider muss ich die Antwort darauf schuldig bleiben, weil ich sie nicht weiß. Es ist ein tiefes Geheimnis unserer Existenz und unseres Glaubens, dass es so etwas wie Leid gibt.

Aber von dem her, was die Bibel uns sonst über Gott erzählt, glaube ich nicht, dass Gott so ist, wie Jeremia ihn hier sieht. Dabei verstehe ich schon, dass Menschen ihn so erleben und empfinden können und dass sie sich fragen, "womit habe ich das verdient, dass Gott mich so hart bestraft?". Jeremia stellt diese Frage nicht. Er formuliert seine Klage, aber er klagt Gott nicht an. Und er fordert auch keine Rechenschaft von ihm "Gott, wie kannst du nur?" - weil er um seine Sünden weiß und auch um die Sünden seines Volkes.

Der Hintergrund der Klagelieder ist nämlich mal wieder die Zerstörung der Stadt Jerusalem und des Tempels durch die Babylonier 587 v. Chr. Jeremia geht durch die Ruinen der Stadt, er kann nicht fassen, was da passiert ist, und klagt über die schrecklichen Erlebnisse, er schüttet vor Gott sein Herz aus, in einer Intensität, die einem beim Lesen das Herz zerreißt. Ich denke, dass die Klagelieder für manche Menschen, die schwer zu leiden haben, ein Ventil sein können, um das, was in ihnen vorgeht, in Worte zu fassen.

Es ist übrigens ganz interessant: die Klagelieder haben einen sehr kunstvollen Aufbau. Es gibt fünf Kapitel im Buch der Klagelieder; die ersten beiden und die letzten beiden Kapitel haben je 22 Verse. Im hebräischen Alphabet gibt es 22 Buchstaben, und jeder Vers dieser vier Kapitel beginnt mit dem jeweils folgenden Buchstaben, also der erste Vers beginnt mit A (Alef) der zweite mit B (beth) usw. Das mittlere Kapitel, also das dritte, mit dem wir es heute zu tun haben, hat 66 Verse, dort beginnen jeweils drei Verse mit demselben Buchstaben in alphabetischer Reihenfolge und in der Mitte dieses Kapitels, das auch in der Mitte der Klagelieder als Ganzes steht, da wird es plötzlich hell. Da steht der heutige Predigttext. Das ist, als wenn man ein dunkles Bild malt, in dessen Zentrum ein heller Schein zu sehen ist.

Da heißt es plötzlich:

"Die Güte des HERRN ist's, dass wir nicht gar aus sind, seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende, sondern sie ist alle Morgen neu, und deine Treue ist groß. Der HERR ist mein Teil, spricht meine Seele; darum will ich auf ihn hoffen. Denn der HERR ist freundlich dem, der auf ihn harrt, und dem Menschen, der nach ihm fragt. Es ist ein köstlich Ding, geduldig sein und auf die Hilfe des HERRN hoffen. Denn der HERR verstößt nicht ewig; sondern er betrübt wohl und erbarmt sich wieder nach seiner großen Güte." (Klagelieder 3, 22- 26.31-32)

Das klingt doch ganz anders.

Ich rede manchmal gerne vom "Dennoch-Glauben". Man kann es so sehen, als gäbe es im Glauben drei verschiedene Stufen, die aber nicht aufeinanderfolgen, man wandert nicht von der ersten zur zweiten zur dritten Stufe, sondern sie laufen im Leben durcheinander.

Die erste Stufe sieht so aus: man macht tolle Erfahrungen mit Gott, man spürt seine Gegenwart, hat Gebetserhörungen, alles läuft prima - in solchen Phasen ist es kinderleicht, an Gott zu glauben, denn er ist greifbar.

Die zweite Stufe ist die Wüstenzeit. Es gibt solche Zeiten im Leben, wo es mühsam wird. Wo man von Gott nichts hört und sieht und das Gefühl hat, als würden die Gebete nur bis zur Decke gehen - da ist dann unser Durchhaltevermögen gefragt.

Ausgerechnet im Warschauer Getto fand man folgende Inschrift: "Ich glaube an die Sonne, auch wenn sie nicht scheint. Ich glaube an die Liebe, auch wenn ich sie nicht spüre. Ich glaube an Gott, auch wenn ich ihn nicht sehe."

Da steckt schon so eine gewisse Trotzigkeit drin. Aber es geht noch mehr, das ist die dritte Stufe, der "Dennoch-Glaube", das ist der Glaube gegen den Anschein.

Ich erfahre Leid, aber ich glaube dennoch, dass Gott es gut mit mir meint. Ich stecke in der Finsternis, aber ich glaube dennoch, dass Gott das Licht ist. Ich habe den Tod vor Augen, aber ich glaube dennoch an das ewige Leben.

Ebenfalls aus dem Warschauer Getto ist ein Bekenntnis erhalten, dass der Jude Jossel Rackower vor seinem Tod abgelegt hat. Man fand es in einer Flasche, er hat dort einen Zettel hineingesteckt und sie in einem halb vermauerten Fenster verborgen. Er war damals 45 Jahre alt, alle seine Freunde waren tot, sie haben tagelang gemeinsam im Aufstand des Warschauer Gettos gekämpft, das ganze Getto stand in Flammen, auch das Haus, in dem er war, es musste jeden Moment zusammenbrechen, und er schreibt. Er schreibt rückblickend über sein Leben, dass es herrlich war und mit Glück gesegnet. Sein Haus war für jeden Bedürftigen offen und er half gerne: "Ich habe Gott mit glühender Hingabe gedient, mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und der ganzen Kraft."

Aber er wurde wie Millionen anderer Juden von den Nationalsozialisten verfolgt. Er verlor seine ganze Familie. Sie wurden erschossen, die Frau mit dem siebenmonatigem Kind im Arm, zwei Kinder auf der Flucht im Wald. Sie hießen David und Jehuda, vier und sechs Jahre alt. Seine letzten drei Kinder kamen im Getto um.

Er schreibt am Ende seines Lebens: "Falls Du nicht mein Gott bist - wessen Gott bist Du? Der Gott der Mörder? Falls die, die mich hassen, die mich morden, so schlecht sind, so finster, wer bin dann ich, der etwas trägt von Deinem Licht, von Deiner Güte? . Und das sind meine letzten Worte an Dich, mein zorniger Gott: es wird Dir nicht gelingen! Du hast alles getan, damit ich nicht an dich glaube, damit ich an Dir verzweifle! Ich aber sterbe genau wie ich gelebt habe, im felsenfesten Glauben an Dich. Höre Israel, der Ewige ist unser Gott, der Ewige ist einig und einzig!"

Solch einen Glauben kann man nicht machen, solch ein Glaube kann einem nur geschenkt werden - und das auch nicht vorher, sondern erst mitten in der Situation. Aber das passiert. Menschen berichten, wie sie in aussichtslosen Lagen gesteckt haben und sich plötzlich getragen fühlten, plötzlich die Gegenwart Gottes in ihrem Leben gespürt haben.

"Gottes Barmherzigkeit hat noch kein Ende, sondern sie ist alle Morgen neu."

Das schreibt jemand mitten aus der Klage heraus. Und deswegen ist das auch keine leere Floskel, sondern ein Zeugnis davon, dass er das Licht im Dunkel gesehen hat.

Nun ist das Wort "Barmherzigkeit" bei uns ein wenig aus der Mode gekommen. In dem Bereich, in dem man es früher verwendet hat, spricht man heute lieber von Rechten und Ansprüchen. Bedürftige haben einen Rechtsanspruch auf Unterstützung. Ich will das nicht schlecht machen. Es ist gut gemeint, man will Bedürftige aus der Rolle des Bittstellers herausholen. Aber es hat eben zur Folge, dass die Werke der Barmherzigkeit, die noch im Mittelalter eine große Rolle gespielt haben, an den Staat delegiert worden sind. Da ist nun jemand anders für zuständig - und entsprechend ist auch das Wort aus unserem alltäglichen Sprachgebrauch verschwunden. Was wir kennen, ist die Unbarmherzigkeit. Aber die gibt es reichlich. Immer wieder lesen wir in der Zeitung von Gewalttaten, wo Unschuldige unbarmherzig zusammengeschlagen werden, meistens aus purer Lust an Gewalt. Auf das Opfer, das bewusstlos am Boden liegt, wird dann noch eingetreten. Unbarmherzig.

Und auch abseits von körperlicher Gewalt: was wird zuweilen unbarmherzig über Menschen hergezogen. Da schaudert es einem manchmal, wenn man das mitbekommt, da sind Leute Richter und Staatsanwalt in einer Person, da wird schuldig gesprochen, ohne den Angeklagten auch nur gehört zu haben, geschweige denn ihn zu verteidigen.

Von unseren Medien gar nicht zu reden. Wehe dem, der ins Fadenkreuz der Presse gerät. Das wird dann scheinheilig als "Pressefreiheit" und "Pflicht zur Information der Öffentlichkeit" hingestellt, aber oft genug ist das ein moderner Pranger, an den Menschen gestellt werden. Barmherzigkeit gibt es dort nicht.

Gott ist barmherzig.

Barmherzigkeit bedeutet, er gibt uns nicht, was uns zusteht.

Was steht uns denn zu? Haben wir vor Gott ein Recht auf irgend etwas? Auf Leben und Gesundheit? Es sind Geschenke seiner Hand.

Ist es gerecht, dass wir in einem der reichsten Staaten dieser Welt leben? Steht uns das zu? Ich habe noch nie gehört, dass sich jemand darüber beklagt hat: "Das ist doch ungerecht, es gibt so viele Hungernde und ich muss hier in einem reichen Land leben und habe mehr als genug zu essen!" Nein, geklagt wird an vielen anderen Stellen.

Auf einem alten Grabstein steht: "Was klagst du? Du lebst! Atme tief durch und freue dich daran, dass du leben darfst!"

Du darfst leben! Das verdankst du Gottes Barmherzigkeit! Und Gottes Barmherzigkeit ist jeden Morgen neu. Sie nutzt sich nicht ab.

Bei mir klingeln ab und zu Leute an der Tür - Obdachlose auf der Durchreise, Geldsammler vom Wanderzirkus - und die halten dann die Hand auf und bitten um eine Gabe. Die kriegen dann ein paar Euro von mir und ein paar nette Worte und ich bin, ehrlich gesagt, dann auch froh, wenn sie wieder weiterziehen. Wenn der gleiche Obdachlose am nächsten Tag wieder an meiner Tür klingeln würde, und wieder seine Hand aufhält, würde ich vermutlich nicht mehr so nett reagieren. Meine Barmherzigkeit hätte sich erschöpft.

Gottes Barmherzigkeit ist jeden Morgen neu.

Wir können jeden Tag neu unsere Sorgen auf ihn werfen, unsere Sünden vor ihn bringen, ihn volltexten, mit allem was uns auf der Seele liegt und wir werden nie von ihm zu hören bekommen: "Meine Güte, damit hast du mich gestern doch schon belästigt und vorgestern auch. Hast du nicht mal ein anderes Thema?"

Gottes Barmherzigkeit ist jeden Morgen neu.

Ich bin heute sehr früh aufgestanden. Und es ist schon etwas ganz besonderes, wenn man so aus dem Haus kommt und einen neuen, jungen Tag erlebt. Die Dämmerung, und die Vögel, die anfangen zu singen, der Sonnenaufgang und diese unglaublich frische Luft am Morgen. Jeden Morgen neu. Seit Millionen von Jahren. Jeden Morgen neu. Man kann die Uhr danach stellen. Das ist verlässlich, dass es jeden Tag einen neuen Tag gibt.

Und trotzdem haben wir kein Recht darauf. Wenn Gott sich eines Tages dazu entschließen wird, die Sonne nicht mehr aufgehen zu lassen, wären wir nicht in der Position, ihn darauf zu verklagen. Die Juristen könnten vielleicht irgendetwas mit Gewohnheitsrecht versuchen - aber vor welchem Gericht?

Die Sonne, die Erde, dass All, die Sterne - das gehört alles Gott. Er hat es geschaffen! Es ist seine Gnade, sein Geschenk, das wir es kostenlos nutzen dürfen, dass wir hier leben dürfen - und leider müssen wir ja zugeben, dass wir nicht besonders pfleglich damit umgehen. Wir Menschen benehmen uns wie eine Horde ungezogener Kinder, die an ein wunderschön gestaltetes Buffet geführt werden, und anstatt sich einen Teller zu nehmen und gesittet zu essen, sich von jedem ein bisschen zu nehmen, so das alle etwas bekommen können, stürzen wir uns wie die Geier auf die Tische, prügeln uns um die leckersten Happen, stopfen uns die Taschen voll und zeigen zum Dank dem Gastgeber eine lange Nase. Jeder von uns hätte vermutlich solche Gäste an die Luft gesetzt. Gott tut es nicht. Seine Barmherzigkeit ist so groß, dass manche schon an seiner Existenz zweifeln. Sie sagen: "Wie kann der das alles durchgehen lassen? Warum haut er nicht dazwischen?"

Gestern stand in der Zeitung, dass unbekannte Täter in einer Schleswiger Kirche eingebrochen haben. Kann Gott das denn nicht verhindern? Das ist doch sein Haus!

Andererseits, wenn er tatsächlich dazwischen schlägt, dann wird er angeklagt, das dürfe er nicht tun, das sei tyrannisch. Kurz und gut: trotz seiner Allmacht gibt es etwas, das selbst Gott nicht kann: er kann es nicht allen Menschen recht machen.

Gottes Barmherzigkeit hat kein Ende und seine Treue ist groß. Und es hat seinen Grund, warum diese Verse in den Klageliedern so leuchten. In je dunkler es ist, desto besser kann man die Sterne sehen. Je finsterer es in unserem Leben wird, umso heller erscheint uns die Gnade Gottes. Einfach weil wir empfänglicher dafür sind.

Möge Gott uns das schenken, dass wir daran festhalten können, dass wir den Blick auf seine Barmherzigkeit nicht verlieren, auch wenn es dunkel wird in unserem Leben.

Amen





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