Kirchengemeinde Havetoft - Predigt über Lukas 16, 1-9


Predigt über Lukas 16, 1-9

 

Gehalten am 13.11.2011 von Pastor Jörg Arndt, Havetoft

Vorletzter Sonntag des Kirchenjahres - Volkstrauertag

(Mitschrift der gesprochenen Fassung)




Waren Buffett, einer der reichsten Männer dieses Planeten, hat 2003 ein kluges Wort gesagt. Er sprach über "Derivate" - das sind Finanzwetten aller Arten, Warentermingeschäfte, die berühmten "Hebel" - und bezeichnete sie als "Zeitbomben". Ja, er ging sogar so weit, von "finanziellen Massenvernichtungswaffen" zu sprechen, die das Potenzial haben, nicht nur einzelne Firmen, sondern ganze Volkswirtschaften in den Abgrund zu treiben.

Seinerzeit hielten viele Menschen diesen Ausspruch für übertrieben, aber die Entwicklungen der letzten Jahre haben ihm recht gegeben. Was haben wir in dieser Beziehung nicht alles erlebt: die Pleite der "Lehmann-Brothers" in Amerika, die viele deutsche Institute in Mitleidenschaft gezogen haben, so dass sich unser Staat schließlich gezwungen sah, die Banken mit Steuermilliarden zu stützen.

Island ist hart an einem Staatsbankrott vorbei geschrammt. Griechenland steht auf der Kippe, und was aus Italien und Irland und Portugal wird, und letztlich auch aus unserem Land, weiß niemand. Nur eins steht fest: wie bei jedem Krieg sind auch hier die einfachen Leute diejenigen, die für die Fehlentscheidungen weniger aufzukommen haben.

Ich muss gestehen, dass ich von diesen Dingen nicht übermäßig viel verstehe. Deswegen staune ich immer, wenn ich die entsprechenden Zeitungsmeldungen lese. Ich kann schlicht und ergreifend nicht verstehen, wie sich eine Bank um mehr als 55 Milliarden Euro verrechnen kann und ein hoch bezahltes Wirtschaftsprüfungsunternehmen diesen Fehler nicht bemerkt. Oder warum Bankmanager satte Bonuszahlungen bekommen, obwohl sie doch ihr Unternehmen beinahe in den Konkurs geführt haben.

Aber ich komme heute auf dieses Thema, weil der heutige Predigttext uns in den Bereich Wirtschaft und Finanzen führt. Es ist ein Gleichnis, das Jesus erzählt, und es handelt sich dabei um eines der weniger bekannten Gleichnisse - mit gutem Grund, denn es ist eine ziemlich ärgerliche Geschichte.

Er sprach aber auch zu den Jüngern: Es war ein reicher Mann, der hatte einen Verwalter; der wurde bei ihm beschuldigt, er verschleudere ihm seinen Besitz. Und er ließ ihn rufen und sprach zu ihm: Was höre ich da von dir? Gib Rechenschaft über deine Verwaltung; denn du kannst hinfort nicht Verwalter sein.

Der Verwalter sprach bei sich selbst: Was soll ich tun? Mein Herr nimmt mir das Amt; graben kann ich nicht, auch schäme ich mich zu betteln. Ich weiß, was ich tun will, damit sie mich in ihre Häuser aufnehmen, wenn ich von dem Amt abgesetzt werde.

Und er rief zu sich die Schuldner seines Herrn, einen jeden für sich, und fragte den ersten: Wieviel bist du meinem Herrn schuldig? Er sprach: Hundert Eimer Öl.

Und er sprach zu ihm: Nimm deinen Schuldschein, setz dich hin und schreib flugs fünfzig.

Danach fragte er den zweiten: Du aber, wieviel bist du schuldig? Er sprach: Hundert Sack Weizen. Und er sprach zu ihm: Nimm deinen Schuldschein und schreib achtzig.

Und der Herr lobte den ungetreuen Verwalter, weil er klug gehandelt hatte; denn die Kinder dieser Welt sind unter ihresgleichen klüger als die Kinder des Lichts. Und ich sage euch: Macht euch Freunde mit dem ungerechten Mammon, damit, wenn er zu Ende geht, sie euch aufnehmen in die ewigen Hütten."
(Lukas 16,1-9)


Was für eine Gaunerbande! Es ist ja nicht nur der Verwalter, der betrügerisch handelt, sondern auch die Schuldner, die gemeinsam mit ihm ihre Schuldscheine fälschen. Und die Krönung des Ganzen ist, dass der betrogene reiche Mann seinen ehemaligen Verwalter auch noch lobt und sagt: "Der hat mich zwar betrogen, aber Hut ab vor seiner Klugheit!"

Dieses Gleichnis ist eine Ohrfeige für alle, die versuchen, einigermaßen ehrlich durchs Leben zu kommen und es fällt auf, dass Jesus das Verhalten der Beteiligten in keiner Weise moralisch bewertet. Einige Verse später macht er nochmal deutlich, dass wir natürlich in finanziellen Dingen unbedingt ehrlich und treu sein sollen, aber er unterscheidet auch: er sieht zwei verschiedene Welten, in denen unterschiedliche Spielregeln gelten. Auf der einen Seite stehen die "Kinder des Lichts" - das sind diejenigen, die mit Gott leben und die nach seinem Willen fragen. Auf der anderen Seite sind die "Kinder dieser Welt" - das sind diejenigen, die das eben nicht tun. Und wenn man in einer Welt lebt, in der Gott nicht vorkommt, dann gibt es eigentlich nur eine Regel, und die lautet: "Tue was du willst und sieh zu, dass du dabei nicht erwischt wirst."

Die Welt der Finanzen, die Jesus in seinem Gleichnis skizziert, scheint damals nicht viel anders funktioniert zu haben als heute, und sie wird sich vermutlich auch bis zum jüngsten Tag nicht verändern. Es gibt Lichtblicke, immer mal wieder. Es gibt wohlhabende Menschen, die einen beträchtlichen Teil ihres Vermögens dazu einsetzen, um anderen Menschen zu helfen. Aber das sind Ausnahmen, meistens diktiert die Gier das Gesetz des Handelns.

Es liegt nicht in unserer Macht, diese Welt zu ändern, aber was wir beeinflussen können, ist unser eigenes Leben. Und wenn wir das tun, stellen wir irgendwann fest, dass wir doch etwas verändern.

Also wie gesagt, Jesus bewertet das Tun dieser Menschen nicht, er hebt nicht den moralischen Zeigefinger, sondern er sagt: "An diesem Typen könnt ihr etwas lernen. Ihr könnt lernen, eure Zeit und eure Ressourcen klug einzusetzen."

Dieser Verwalter wusste, dass ihm nicht mehr viel Zeit bleibt. Sein Schwindel ist aufgeflogen und er muss zum Chef und weiß genau, dass alles vorbei ist. Es ist noch eine Frage von Stunden. Höchstens. Aber anstatt zu jammern oder sich den Strick zu nehmen, hat er messerscharf seine Situation analysiert, hat eine Chance erkannt und hat diese Chance genutzt. Es ist natürlich moralisch alles höchst fragwürdig - aber so raffiniert, dass selbst der betrogene Chef beeindruckt ist und ihn wegen seiner Klugheit lobt. Er hat alles auf eine Karte gesetzt, um eine Zukunft nach seiner Entlassung zu haben.

Und Jesus fragt seine Zuhörer: "Warum seid ihr eigentlich nicht auch so klug wie dieser Mann? Ihr wisst doch genau, dass eure Tage gezählt sind, ihr wisst doch genau, dass euer Leben begrenzt ist. Gut, anders als dieser Mann wisst ihr nicht, wann es so weit ist, aber das spielt doch auch keine Rolle. Sondern es kommt darauf an, dass wir rechtzeitig unsere Chancen ergreifen. Dass wir die Weichen stellen für die Ewigkeit. Aber stattdessen verdrängen wir das Thema lieber und hoffen, dass es schon alles nicht so schlimm wird. "Naja, vielleicht gibt es den Himmel und die Hölle ja gar nicht, vielleicht ist auch alles vorbei, wenn wir sterben, wer weiß das schon, oder wir werden noch mal geboren und bekommen eine neue Chance, oder vielleicht kommen auch alle in den Himmel - lieber nicht zu viel darüber nachdenken, lieber arbeiten und feiern und das Leben genießen und hoffen, dass sich das Thema noch heraus schieben lässt."

Aber die Bibel ist ganz klar. Sie sagt: "Wer den Sohn hat, der hat das Leben, wer den Sohn Gottes nicht hat, der hat das Leben nicht." (1.Joh 5,12)

Also, wer klug ist, ergreift dieses Angebot Gottes und lässt es nicht mehr los. Und das wird sein Leben verändern. Unter anderem auch seinen Umgang mit Geld.

Diese unehrliche Verwalter hat durch seine veränderte Zukunftsperspektive zu einem neuen Umgang mit Geld gefunden. Er hat etwas gemacht, was er normalerweise nicht getan hätte, hat das Geld dazu eingesetzt, den Menschen Schulden zu erlassen und dafür Optionen für die Zukunft zu gewinnen. Na gut, genau genommen hat er dazu das Geld seines Chefs genommen, aber die Richtung stimmt schon

Jesus spricht davon, dass wir uns Schätze im Himmel sammeln sollen, anstatt auf der Bank. Wir haben es ja eben gehört: "Macht euch Freunde mit dem ungerechten Mammon, damit, wenn er zu Ende geht, sie euch aufnehmen in die ewigen Hütten." (Lukas 16,9)

Da ist ein reicher Mann, bekannt für seinen Geiz, und bei dem geht es aufs Ende. Weil er aber seinen Erben gar nichts gönnt, lässt er sich seinen Geldbeutel mit ins Grab legen.

Wie er nun in den Himmel kommt - keine Ahnung, wie er das geschafft hat, aber es ist ja nur eine Legende - stellt er fest, dass es dort die köstlichsten Speisen gibt. Es sind Preisschilder daran, und er freut sich, denn alles ist unglaublich billig. Er stellt sich ein Riesentablett voller Leckereien zusammen, geht zur Kasse und holt seinen Geldbeutel heraus. Aber der Engel, der an der Kasse sitzt, sagt zu ihm: "Es tut mir leid, das ist die falsche Währung. Hier oben zählt nur das Geld, das du zu Lebzeiten verschenkt hast!"

Das Problem des Geldes ist dessen Eigendynamik. Sobald ein Mensch mehr hat, als er zum Leben braucht, stellt sich automatisch der Gedanke ein: was mache ich damit? Ich will es irgendwie anlegen, am besten so, dass es Zinsen bringt. Und so werden wir ganz schnell Teil des Finanzsystems. Der Nachteil daran ist, dass es nur auf Kosten anderer funktioniert. Die Zinsen, die auf der einen Seite bezahlt werden, müssen auf der anderen Seite erwirtschaftet werden. Und zwar von denjenigen, die kein Geld haben und sich welches leihen müssen. Die zahlen die Zinsen.

Ein anständiges Geschäft sieht immer so aus, dass beide Seiten gut davon haben. Auf neudeutsch heißt das "win-win Situation". Auf biblisch "ein jeder sehe nicht nur auf das Seine, sondern auch auf das, was dem anderen dient." (Philipper 2,4) Wenn Menschen auf dieser Basis miteinander Geschäfte machen, dann herrschen Gerechtigkeit und Frieden. Aber wo die einen auf Kosten der anderen leben, da ist der Krieg nicht weit.

Hitlers Träume vom Lebensraum im Osten und von der Herrschaft der arischen Rasse funktionierten nur so, indem man den anderen etwas weggenommen hat. Der Krieg war ja kein Unfall, er war von langer Hand geplant. Er war ein zwangsläufiges Ergebnis dieser Weltanschauung.

Wenn wir uns heute so umschauen, dann stellen wir fest, dass große Teile unseres Wohlstandes nur auf Kosten anderer möglich sind. Wir haben billige Kleidung, weil Menschen in Drittweltländern unter unsäglichen Bedingungen diese Kleidung herstellen. Wir haben Biosprit, der von großen Firmen in Entwicklungsländern auf riesigen Flächen hergestellt wird, während die einheimischen Bauern kein Land mehr haben, auf dem sie ihre Nahrung anbauen können. Wir haben einen Klimawandel, der hauptsächlich von den Industrienationen verursacht wird, aber zulasten der Armen geht. Und ich fürchte, irgendwann knallt es. Irgendwann ist der Punkt erreicht, an dem sich die Menschen sagen: "Wir haben ja nichts mehr zu verlieren, also holen wir uns unseren Anteil mit Gewalt." Vermutlich ist es weiser, wenn wir beizeiten das Teilen lernen. Wenn wir Schulden erlassen, wenigstens teilweise, sowie der Verwalter im Gleichnis, anstatt irgendwann die Trümmer eines neuen Krieges beseitigen zu müssen.

Wir feiern heute Volkstrauertag und ich finde es zunehmend wichtiger, dies zu tun. Vor 66 Jahren ist der Krieg zu Ende gegangen und allmählich sterben diejenigen aus, die den Krieg noch bewusst miterlebt haben. Jetzt ist es an uns, die Erinnerung zu bewahren und weiterzugeben mit dem Ziel, den Frieden zu bewahren und der nachfolgenden Generation klarzumachen, was für ein kostbares und zerbrechliches Geschenk Frieden ist. Krieg ist kein Spiel. Krieg ist keine mögliche politische Option. Sondern Krieg ist ein Scheitern, eine Katastrophe, die immer dazu führt, dass Menschen leiden.

Ich habe mir gestern einmal die Mühe gemacht und die Namen auf der Gefallenentafel im Vorraum unserer Kirche gezählt. 191 Menschen aus unseren Dörfern werden dort genannt. Wenn man sie so durchliest und zählt, dann begegnen einem viele Namen, die es heute noch gibt. Alt-Eingesessene Familien, die man kennt. Krabbenhöft, Schönk, Plath - und wie sie alle heißen. 191 Gefallene. Sogar ein Frauenname ist interessanterweise mit dabei.

Ich weiß nichts über diese Menschen. Ich weiß nicht, ob sie eifrig und verblendet waren, ob sie der Propaganda des Führers geglaubt haben und stolz für die deutsche Sache in den Krieg gegangen sind oder ob sie eher gezwungenermaßen mit dabei waren. Aber es macht auch nicht wirklich einen Unterschied. Sie alle sind durch den Krieg ums Leben gekommen und wir wollen ihr Andenken ehren und bewahren und zugleich danach fragen, was wir tun können, um den Frieden zu erhalten.

Eine Antwort gibt Jesus uns durch dieses Gleichnis. Wir können unseren Umgang mit Geld überdenken. Auch der Finanzmarkt regelt sich durch Angebot und Nachfrage und je mehr Menschen sagen, dass sie mit ihren Ersparnissen nicht die maximale Rendite erzielen wollen, sondern lieber etwas Gutes bewirken, umso eher wird sich auch das Angebot verändern. Es gibt jetzt schon so genannte Ethikfonds, die genau diesen Schwerpunkt haben, lieber Gutes zu tun mit dem Geld, als maximalen Gewinn zu erzielen.

Aber viel wichtiger ist das andere, das wir gehört haben. Dass wir die Zeit nutzen, die uns noch bleibt. Frieden mit Gott zu schließen. Dass wir die Hand Jesu ergreifen, der den Tod besiegt hat und ihn nicht mehr loslassen, bis er uns sicher in die Ewigkeit gebracht hat.

Amen





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