Kirchengemeinde Havetoft - Predigt über Lukas 1, 26-38


Predigt über Lukas 1, 26-38



Gehalten am 04.12.2011 von Pastor Jörg Arndt, Havetoft

(2. Advent)




Am vergangenen Sonntag sind uns zwei weniger bekannte Randfiguren der Weihnachtsgeschichte begegnet, Elisabeth und Zacharias, die Eltern von Johannes dem Täufer. Wir haben gehört, wie der Erzengel Gabriel dem alten Mann verheißen hat, dass seine Frau, die ihr Leben lang vergeblich auf Nachwuchs gewartet hat, nun ein Kind bekommen wird - und zwar ein ganz besonderes. Verständlicherweise hatte Zacharias seine liebe Mühe, den Worten des Engels zu glauben, zu oft waren ihre Hoffnungen auf Nachwuchs schon enttäuscht worden. Und nun waren sie eigentlich viel zu alt, er bat den Engel um ein Zeichen und verlor für neun Monate seine Sprache. Zacharias begegnete uns als Symbol für die wartende und hörende Kirche.

Die Geschichte, über die ich heute predigen möchte, ist deutlich bekannter. Sie hat sich etwa ein halbes Jahr später zugetragen und wieder ist Gabriel am Werk. Ich lese aus Lukas 1,26-38:

"Und im sechsten Monat wurde der Engel Gabriel von Gott gesandt in eine Stadt in Galiläa, die heißt Nazareth, zu einer Jungfrau, die vertraut war einem Mann mit Namen Josef vom Hause David; und die Jungfrau hieß Maria.

Und der Engel kam zu ihr hinein und sprach: Sei gegrüßt, du Begnadete! Der Herr ist mit dir! Sie aber erschrak über die Rede und dachte: Welch ein Gruß ist das? Und der Engel sprach zu ihr: Fürchte dich nicht, Maria, du hast Gnade bei Gott gefunden. Siehe, du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären, und du sollst ihm den Namen Jesus geben. Der wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden; und Gott der Herr wird ihm den Thron seines Vaters David geben, und er wird König sein über das Haus Jakob in Ewigkeit, und sein Reich wird kein Ende haben.

Da sprach Maria zu dem Engel: Wie soll das zugehen, da ich doch von keinem Mann weiß? Der Engel antwortete und sprach zu ihr: Der heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten; darum wird auch das Heilige, das geboren wird, Gottes Sohn genannt werden. Und siehe, Elisabeth, deine Verwandte, ist auch schwanger mit einem Sohn, in ihrem Alter, und ist jetzt im sechsten Monat, von der man sagt, dass sie unfruchtbar sei. Denn bei Gott ist kein Ding unmöglich. Maria aber sprach: Siehe, ich bin des Herrn Magd; mir geschehe, wie du gesagt hast. Und der Engel schied von ihr."


Wir sitzen ja hier in einer Marienkirche und so finde ich es immer besonders interessant, wenn uns Maria in einer biblischen Geschichte begegnet. Das Problem bei Maria ist nur, dass wohl kaum eine biblische Figur so mit Zuckerguss und Goldlack überzogen worden wie sie.

Schon früh haben sich in der Kirchengeschichte Mariendogmen gebildet. Zum Beispiel das Dogma von der unbefleckten Empfängnis, das besagt, dass Maria auf wunderbare Weise von der Erbsünde verschont geblieben ist. Man hat sie sich als eine Art genetischen Defekt vorgestellt, der bei der Zeugung auf das Kind übertragen wurde. Nicht aber bei Maria, denn sonst wäre auch das Jesuskind in Mitleidenschaft gezogen worden.

Dann gab es das Dogma der immerwährenden Jungfrauenschaft Mariens, die sogar die Geburt überstanden hat. Dazu hat man die Brüder und Schwestern Jesu, von denen die Bibel erzählt, kurzerhand in Cousins und Cousinen umgedeutet.

Das vorerst letzte Dogma ist erst am 1. November 1950 veröffentlicht worden, dabei ging es um die leibliche Aufnahme Mariens in den Himmel.

Papst Pius XII schrieb: "Nachdem Wir" - damit meint er sich selber, das ist ein "Pluralis majestatis" - "Nachdem Wir nun lange und inständig zu Gott gefleht und den Geist der Wahrheit angerufen haben, verkündigen, erklären und definieren Wir zur Verherrlichung des Allmächtigen Gottes, dessen ganz besonderes Wohlwollen über der Jungfrau Maria gewaltet hat, zur Ehre seines Sohnes, des unsterblichen Königs der Ewigkeit, des Siegers über Sünde und Tod, zur Mehrung der Herrlichkeit der erhabenen Gottesmutter, zur Freude und zum Jubel der ganzen Kirche, kraft der Vollmacht Unseres Herrn Jesus Christus, der heiligen Apostel Petrus und Paulus und Unserer eigenen Vollmacht:
Die unbefleckte, immerwährend jungfräuliche Gottesmutter Maria ist, nachdem sie ihren irdischen Lebenslauf vollendet hatte, mit Leib und Seele in die himmlische Herrlichkeit aufgenommen worden. Wenn daher, was Gott verhüte, jemand diese Wahrheit, die von Uns definiert worden ist, zu leugnen oder bewusst in Zweifel zu ziehen wagt, so soll er wissen, dass er vollständig vom göttlichen und katholischen Glauben abgefallen ist. (...)
Keinem Menschen sei es also erlaubt, diese Unsere Erklärung, Verkündigung und Definition ungültig zu machen, ihr in verwegener Kühnheit entgegenzutreten oder sie zu bekämpfen! Sollte sich aber jemand unterfangen, es dennoch zu tun, so möge er wissen, dass er den Zorn des Allmächtigen Gottes und der heiligen Apostel Petrus und Paulus auf sich herabruft."

Ich kommentiere das jetzt nicht, aber wir merken, dass dem Papst diese Sache sehr am Herzen gelegen hat. Es mag nun ein jeder damit halten wie er will - ich bin bewusst evangelisch - aber ich finde es interessant, all diese dogmatischen Übermalungen wegzulassen und sich nur auf das zu konzentrieren, was die Bibel uns überliefert. Und das ist überraschend wenig!

Während Lukas uns bei Elisabeth und Zacharias einiges über deren Abstammung und persönliche Situation verrät, fehlen diese Angaben bei Maria völlig. Offensichtlich scheinen sie nicht so wichtig zu sein. Immerhin erfahren wir, dass Elisabeth eine Verwandte ist - was auch immer das heißen mag. Zieht man den Altersunterschied in Betracht, war sie vielleicht eine Tante - sie kann aber genausogut auch eine Großcousine dritten Grades oder sonst etwas gewesen sein. Wir wissen es nicht. Immerhin ergibt sich aus dieser Information, dass Maria vom Geschlecht Aarons war, demnach gehörte Jesus also mütterlicherseits in die Linie der Priester.

Im Gegensatz zu Zacharias und Elisabeth, deren Frömmigkeit Lukas besonders herausstreicht, wird von Maria nichts entsprechendes gesagt. Alles was wir von ihr erfahren ist, dass sie aus der kleinen Stadt Nazareth in Norden Israels, aus Galiläa, stammt, dass sie mit einem Mann namens Joseph aus dem Stamm Davids verlobt gewesen ist und dass sie noch Jungfrau war.

Das hätte Lukas allerdings nicht extra zu betonen brauchen, denn das war zur damaligen Zeit praktisch selbstverständlich.

Gerade im Bereich der Sexualmoral liegen Welten zwischen damals und heute.

Zur Zeit Jesu suchten die Eltern den Ehepartner aus. Die Eltern der Brautleute verhandelten miteinander und setzten einen Preis fest, den der zukünftige Ehemann für die Frau zu zahlen hatte. Sobald dieser Preis entrichtet war, galten die beiden als verlobt. Das hatte aber weder mit Liebe noch mit Sex zu tun, sondern war lediglich ein Ausdruck dafür, dass ein Vertrag zustande gekommen ist.

Zur gegebenen Zeit - das konnte durchaus ein oder mehrere Jahre später sein - holte der Mann dann seine Braut ganz feierlich zu sich nach Hause. Es wurde die Hochzeit gefeiert und ab da galten sie als verheiratet und hatten sexuelle Gemeinschaft miteinander. Vorher nicht.

Es war sogar so, dass der Bräutigam das Recht hatte, seine Verlobte zurückzuschicken, wenn er feststellte, dass sie keine Jungfrau mehr war. Die Frau wurde dann entweder als Ehebrecherin gesteinigt oder sie fand fürs erste Unterschlupf in ihrem Elternhaus, wobei man versuchte, sie noch irgendwie an den Mann zu bringen. Zum halben Preis oder so. Auf jeden Fall war es eine große Schande für sie und ihre ganze Familie.

Man kann sich also vorstellen, dass sowohl die jungen Mädchen als auch ihre Familien sehr darauf bedacht waren, die Jungfräulichkeit zu bewahren. Darum hat man auch nicht zu lange mit der Verlobung gewartet, in der Regel waren die Mädchen 14 oder 15 Jahre alt.

Wir können also davon ausgehen, dass Maria, zu der Gott hier seinen Engel schickt, mit großer Wahrscheinlichkeit noch ein sehr junges Mädchen war. Ihr genaues Alter verrät uns die Bibel nicht, wenn es hoch kommt, war sie 17, eher jünger.

Anders als Zacharias, dem der Engel im Tempel begegnet ist, war Maria an keinem besonderen Ort, als der Engel zu ihr kam. Sie war einfach zuhause.

Man hat in Nazareth eine Kirche über der Stelle gebaut, an der Maria seinerzeit gewohnt haben soll. Es war kein Haus, sondern eine Höhle, die dort in den weichen Felsen geschlagen worden ist. Wie uns der Reiseführer erzählt hat, waren diese Höhlen damals sehr begehrt, denn sie hatten zu allen Jahreszeiten eine angenehme Temperatur.

Ein einfaches Mädchen, irgendwo draußen auf dem Land, das in einer Höhle lebt und mit einem Zimmermann verlobt ist, bekommt also Besuch von einem Engel. Und der begrüßt sie mit den Worten: "Sei gegrüßt, du Begnadete! Der Herr ist mit dir!"

Witzigerweise erschreckt dieser Gruß Maria mehr als der Engel selber. Ich kann mir vorstellen, dass Maria sich wie viele Menschen in ihrem Alter mit der Frage herumgeschlagen hat, wer sie eigentlich ist. Und dann kommt da dieser merkwürdige Gottesbote und sagt: "Ich weiß wer du bist. Du bist eine Begnadete, eine von Gott auserwählte. Du bist jemand, mit der er etwas ganz besonderes vorhat."

Kein Wunder, dass sie erschreckt. Es klingt einfach eine Nummer zu groß für sie. Und tatsächlich ist es ja auch der Wahnsinn, wenn man sich überlegt, dass Gott die gesamte Heilsgeschichte, die Zukunft der Menschheit, das Schicksal seines einzigen Sohnes in die Hände eines Teenagers legt. Das ist wirklich mutig. Aber wie wir schon am letzten Sonntag gehört haben, wirkt Gott lieber durch die Schwachen und Unvollkommenen, als durch diejenigen, die sich zu viel auf ihr Können einbilden.

Auch Maria zeigt hier einen bewundernswerten Mut. Sie riskiert ihr Leben - ich habe ja schon erwähnt, was es damals bedeutet hat, unverheiratet schwanger zu werden. Auf jeden Fall Schande und vielleicht sogar die Steinigung. Das schreckt sie nicht. Sie ist bereit, all ihre Zukunftsträume zu opfern ohne lange darüber zu diskutieren.

Wie mögen ihre Zukunftsträume ausgesehen haben? Sie hat wahrscheinlich davon geträumt, Kinder zu bekommen - am liebsten Söhne, denn Töchter galten damals nicht so viel - und dann wollte sie vermutlich an der Seite ihres Mannes ein bescheidenes Glück genießen. Irgendwann Enkel bekommen - das war vermutlich ihr Lebenstraum.

Und nun tut sich plötzlich eine Perspektive für ihr Leben auf, von der sie nicht einmal hätte träumen können. Und das kann einem schon Angst machen.

"Du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären", sagte der Engel. Soweit so gut. Das passt ja zu ihren Träumen.

"und du sollst ihm den Namen Jesus geben." Das ist ungewöhnlich, normalerweise legt der Vater den Namen seiner Kinder fest.

"der wird groß sein und ein Sohn des Höchsten genannt werden, Gott der Herr wird ihm den Thron seines Vaters David geben und er wird König sein über das Haus Jakob in Ewigkeit und sein Reich wird kein Ende haben."

Alle Eltern sind gerne stolz auf ihre Kinder. Aber diese Verheißung hier ist kaum zu toppen. Was für eine Ansage! Maria sollte Mutter eines Königs werden. Königin-Mutter. Es gab da nur ein Problem: zum Kinderzeugen gehören in der Regel zwei und ihr Joseph war nur Zimmermann, der konnte schwerlich zum Vater eines so großen Königs werden. Darum stellt sie die naheliegende Frage: wie soll das funktionieren? So rein praktisch?

Die Frage ist mehr als berechtigt. Es ist ja nicht nur so, dass sie noch Jungfrau war, das hätte sich ja in naher Zukunft noch ändern lassen können, aber wer käme denn als Vater eines solchen Menschen in Frage? Der König, der damals lebte, war Herodes, und der konnte es wohl nicht sein. Zum einen war er völlig daneben, zum anderen war er kein richtiger Jude und außerdem verkehrte Maria nicht in diesen Kreisen.

Mir scheint die Antwort, die der Engel hier gibt, die einzig logische zu sein. Jesus kann keinen leiblichen Vater haben. Das kann nicht funktionieren. Stattdessen kommt der gleiche Heilige Geist, der schon bei der Schöpfung gewirkt hat, auch hier zum Zuge.

Und so geschieht das Wunder, dass Jesus Mensch unter Menschen wird. Jesus, der Sohn Gottes, der vor Beginn aller Schöpfung schon war, und der noch sein wird, wenn alles aufgehört haben wird zu existieren - Jesus, durch den und zu dem hin alles geschaffen wurde, Jesus dem gegeben ist alle Macht im Himmel und auf Erden, Jesus vor dem sich einst alle Knie beugen werden, Jesu dessen Name höher ist als alle Namen, nimmt im Bauch der Maria Fleisch und Blut an und wird ein verletzliches kleines Baby.

"Ich bin des Herrn Magd", sagte Maria, "mir geschehe nach seinem Willen."

Sie hat sich als Werkzeug Gottes gebrauchen lassen und so dazu beigetragen, dass Milliarden von Menschen vor dem ewigen Tod gerettet worden. Ohne sie wären wir heute nicht hier. Ohne sie hätten wir keine Hoffnung auf das ewige Leben. Kein Wunder, dass man sie verehrt und Kirchen nach ihr benannt hat. Sie war eine tolle Frau. Mutig und voller Gottvertrauen.

Und ich finde, dass wir von ihr wirklich eine Menge lernen können. So wie Zacharias uns zum Symbol der hörenden Kirche geworden ist, so steht Maria für die empfangende Kirche.

Als Kirche Jesu Christi haben wir die Berufung, dass Christus durch uns Gestalt gewinnt. Wir sollen sein Leib sein, seine Hände und Füße. Aber das können wir ebensowenig aus eigener Kraft tun wie Maria aus eigener Kraft ein Kind hervorbringen konnte. Wir müssen es genau wie sie vom Heiligen Geist empfangen. Er muss es durch uns bewirken.

Möge er uns dazu das dienende Herz der Maria schenken, die nicht sagt: "Gott, dies sind meine Pläne, bitte komm mir nicht dazwischen", sondern die es Gott erlaubt, ihren Lebensentwurf zu durchkreuzen.

Ich bin des Herrn Magd, mir geschehe nach seinem Willen.

Ich bin des Herrn Knecht, möge er mit mir tun, was er für richtig hält.

Amen



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