Kirchengemeinde Havetoft - Predigt über 2. Korinther 11 & 12


Predigt über 2. Korinther 11 & 12

 

Gehalten am 12.02.2012 von Pastor Jörg Arndt, Havetoft

Sonntag Sexagesimae



Es ist eine schwierige Predigt heute morgen, weil wir es mit einem sehr schweren Thema zu tun haben - eigentlich mit dem schwersten, wie ich finde. Es geht um das Leid.

Warum gibt es Leid in dieser Welt? Warum müssen Menschen leiden? Warum kommt es vor, dass Kinder sterben, warum bekommen Menschen Krebs oder verlieren in einem Verkehrsunfall ihr Leben? Sicher, die Bibel sagt uns, dass wir in einer gefallenen Schöpfung leben; seit dem Fehltritt von Adam und Eva ist diese Welt nicht mehr so, wie Gott sie eigentlich geplant hat. Vieles lässt sich damit erklären - das Böse ist zum Zuge gekommen und treibt sein Unwesen bis heute.

Aber andererseits glauben wir doch auch daran, dass Gott in dieser Welt am Werk ist, dass er Gebete erhört und Menschen beschützt - wie kann es dann sein, dass auch gläubige Menschen leiden müssen?

Die Bibel gibt uns keine klare Antwort auf diese Frage. Im Gegenteil, sie legt es geradezu darauf an, allzu einfache Antworten zu Fall zu bringen. Ein typisches Beispiel: eine naheliegende Erklärung für das Leid ist der sogenannte "Tun-Ergehen-Zusammenhang." Mit anderen Worten: der Leidende hat selber schuld, er hat durch sein Tun selbst für sein Leid gesorgt. Würde er nicht rauchen, dann hätte er auch keinen Lungenkrebs bekommen. Hätte er nicht gesündigt, dann würde Gott ihn auch nicht bestrafen. Das ist ziemlich unbarmherzig den Leidenden gegenüber, aber es hat für diejenigen, die so denken, den Vorteil, dass sie ihre eigene Angst damit abwehren können. Denn wenn der andere selbst Schuld an seinem Leiden hat, dann kann mir ja nichts passieren, denn ich habe ja nichts Unrechtes getan.

Zur Zeit Jesu war diese Sichtweise sehr verbreitet, aber Jesus widerlegt sie mehrfach. Im Johannesevangelium (Kapitel 9) gibt es beispielsweise eine Geschichte, wo Jesus und seine Jünger einem blind Geborenen begegnen. Die Jünger merken, dass hier das Muster mit Sünde und Strafe nicht so ganz passt und fragen darum: "Wer hat denn nun gesündigt, dieser Mann oder seine Eltern?" Und Jesus antwortet: "Weder noch! Sondern an ihm soll jetzt die Herrlichkeit Gottes offenbar werden!" Und er heilt ihn.

Ein anderes Beispiel: In Lukas 13 nimmt Jesus Bezug auf ein Unglück, das sich zu seiner Zeit ereignet hat: ein Turm ist eingestürzt und hat achtzehn Menschen unter sich begraben. Und Jesus sagt zu seinen Zuhörern: "Glaubt ihr wirklich, dass diejenigen, die da ums Leben gekommen sind, größere Sünder waren als ihr es seid?"

Aber Jesus gibt keine bessere Erklärung ab, er macht lediglich deutlich, dass die übliche Erklärung nicht greift. Das Leben ist nicht so einfach, Gott funktioniert nicht nach Schema F, er ist kein Automat.

Im Umkehrschluss hat sich damit auch eine Irrlehre erledigt, der wir in der heutigen Zeit häufiger begegnen, das sogenannte "Wohlstandsevangelium". Dessen Prediger sagen: Wenn Du wirklich auf Gott vertraust und nach seinem Wort lebst, dann wird er dich nicht nur von der Sünde und von aller Krankheit befreien, sondern auch von der Armut. Gott will dich reich machen und der beste Weg dorthin besteht neben dem Glauben im kräftigen Geben. Die Gaben des Gläubigen sind so etwas wie der Samen, den Gott vermehren wird.

Man muss den Predigern dieses Wohlstandsevangeliums immerhin zugestehen, dass es tatsächlich funktioniert, soweit es ihre eigene Person betrifft. Manche haben Jahreseinkommen, die im zweistelligen Millionenbereich liegen und fahren teure Autos - wie sie sagen, zur Ehre Gottes. Und wenn es bei ihren Anhängern nicht auch funktioniert, dann haben sie halt nicht genug geglaubt, nicht genug gegeben oder sich heimlicher Sünden schuldig gemacht. So einfach ist das.

Nein, so einfach ist das eben nicht! Und deswegen ist es eine Irrlehre. Gott ist kein Automat. Weder im Guten, noch im Bösen.

Es bleibt schwierig. Es bleibt schwierig zu verstehen, warum auch ein gläubiger Christ nicht vom Leiden verschont bleibt, ja manchmal hat man sogar den Eindruck, dass es gerade die Gläubigen zuweilen besonders hart trifft. Ich meine dabei nicht nur die Geschwister in aller Welt, die auch heute noch um ihres Glaubens willen verfolgt werden, und zum Teil Unsägliches ertragen müssen, sondern auch das, was man gemeinhin als "Schicksalsschlag" bezeichnet.

Vor vielen Jahren hatte ich einmal eine Diskussion mit einem sehr intelligenten Mann, der mir folgendes sagte: Er habe festgestellt, dass Christen häufig leiden müssen. Zudem stünde es ja auch so ähnlich in der Bibel, dass Gott seine Gläubigen prüfen werde. Dazu wäre er aber nicht bereit. Er wolle nicht leiden, und darum würde er auch kein Christ. Das war schwer zu widerlegen und er ließ sich auch nicht von seiner Meinung abbringen.

Ein Ansatz, so etwas wie eine Erklärung für Leid zu finden, ist es, wenn im frommen Deutsch von "Prüfungen" oder "Anfechtungen" gesprochen wird. Das ist der Gedanke, dass Leiden, mit denen wir uns auseinandersetzen müssen, keine Folge von Sünde und keine Strafe sind, sondern Gelegenheiten zur Bewährung. Entweder steckt der Teufel dahinter, der uns Leid zufügt, damit wir uns von Gott abwenden - das ist der Gedanke, den wir bei Hiob finden - oder es ist Gott selbst, der uns Leiden auferlegt, um uns zu prüfen, um uns mit der Frage zu konfrontieren, wie ernst es uns mit unserem Glauben ist. Schmeißen wir alles hin, wenn es anfängt etwas zu kosten? Wenden wir uns von Gott ab, wenn er uns enttäuscht oder bleiben wir ihm treu, auch in dunklen Zeiten? Insofern sind Leidenszeiten immer auch Zeiten des inneren Wachstums.

Der heutige Predigttext hat damit zu tun. Paulus schreibt mal wieder an die Gemeinde in Korinth. Sie ist eines seiner Sorgenkinder, weil diese Gemeinde gegen starke geistliche Gegenströmungen zu kämpfen hat und vielen Verführungen ausgesetzt ist. Unter anderem treiben dort die von ihm so genannten "Überapostel" ihr Unwesen. Das sind Leute, die sich wichtig machen, sich von der Gemeinde aushalten ließen und - meine Konfis würden sagen - über Paulus gelabert haben. Sie planten so eine Art feindliche Übernahme und wollten das Vertrauensverhältnis zwischen ihm und den Korinthern zerstören. Darum haben sie der Gemeinde versucht einzureden, dass sie sich von Paulus abwenden sollten, denn dieser wäre ein Nichts. Ein selbsternannter Apostel, der nicht einmal ein richtiger Jude wäre, weil er unter Griechen aufgewachsen sei. Er könne zwar von ferne tolle Briefe schreiben, aber wenn er denn da sei, wäre er doch ein ziemlich armseliger Redner. Aber sie, sie hätten Einsicht, sie hätten Erkenntnisse, sie hätten Visionen, auf sie sollten die Korinther hören.

Paulus erfährt von diesen Leuten und sieht sich gezwungen, dagegenzuhalten, damit die Gemeinde nicht in die Irre geführt wird. Und darum fängt er an aufzuzählen, was er ist, was er alles kann, seine Abstammung und was er alles erlitten hat in seinem Dienst für Jesus. Er hasst das eigentlich, aber er sieht keinen anderen Weg. Ich lese aus dem 2. Korintherbrief:

Sie sind Hebräer - ich auch! Sie sind Israeliten - ich auch! Sie sind Abrahams Kinder - ich auch! Sie sind Diener Christi - ich rede töricht: ich bin's weit mehr! Ich habe mehr gearbeitet, ich bin öfter gefangen gewesen, ich habe mehr Schläge erlitten, ich bin oft in Todesnöten gewesen. Von den Juden habe ich fünfmal erhalten vierzig Geißelhiebe weniger einen;

- darüber darf man nicht einfach so hinweg lesen: "Vierzig Geißelhiebe weniger einen", das war die jüdische Art der Strafe. Vierzig Geißelhiebe waren das absolute Maximum, das jemand bekommen durfte, und um zu verhindern, dass jemand versehentlich einen Hieb zu viel bekam, gab man sich mit 39 zufrieden. 39 Schläge auf den nackten Oberkörper mit einem breiten Lederriemen - ein Drittel der Schläge gab es von vorn, zwei drittel von hinten. Zugeschlagen wurde mit aller Kraft und es ist immer mal wieder vorgekommen, dass Menschen bei dieser Tortur gestorben sind. Paulus hat es fünf Mal erduldet! -

ich bin dreimal mit Stöcken geschlagen, einmal gesteinigt worden; dreimal habe ich Schiffbruch erlitten, einen Tag und eine Nacht trieb ich auf dem tiefen Meer. Ich bin oft gereist, ich bin in Gefahr gewesen durch Flüsse, in Gefahr unter Räubern, in Gefahr unter Juden, in Gefahr unter Heiden, in Gefahr in Städten, in Gefahr in Wüsten, in Gefahr auf dem Meer, in Gefahr unter falschen Brüdern; in Mühe und Arbeit, in viel Wachen, in Hunger und Durst, in viel Fasten, in Frost und Blöße; und außer all dem noch das, was täglich auf mich einstürmt, und die Sorge für alle Gemeinden.

Wer ist schwach, und ich werde nicht schwach? Wer wird zu Fall gebracht, und ich brenne nicht? Wenn ich mich denn rühmen soll, will ich mich meiner Schwachheit rühmen. Gott, der Vater des Herrn Jesus, der gelobt sei in Ewigkeit, weiß, dass ich nicht lüge.

Gerühmt muss werden; wenn es auch nichts nützt, so will ich doch kommen auf die Erscheinungen und Offenbarungen des Herrn.

Ich kenne einen Menschen in Christus; vor vierzehn Jahren - ist er im Leib gewesen? ich weiß es nicht; oder ist er außer dem Leib gewesen? ich weiß es auch nicht; Gott weiß es -, da wurde derselbe entrückt bis in den dritten Himmel. Und ich kenne denselben Menschen - ob er im Leib oder außer dem Leib gewesen ist, weiß ich nicht; Gott weiß es -, der wurde entrückt in das Paradies und hörte unaussprechliche Worte, die kein Mensch sagen kann. Für denselben will ich mich rühmen; für mich selbst aber will ich mich nicht rühmen, außer meiner Schwachheit. Und wenn ich mich rühmen wollte, wäre ich nicht töricht; denn ich würde die Wahrheit sagen. Ich enthalte mich aber dessen, damit nicht jemand mich höher achte, als er an mir sieht oder von mir hört.

Und damit ich mich wegen der hohen Offenbarungen nicht überhebe, ist mir gegeben ein Pfahl ins Fleisch, nämlich des Satans Engel, der mich mit Fäusten schlagen soll, damit ich mich nicht überhebe. Seinetwegen habe ich dreimal zum Herrn gefleht, dass er von mir weiche.

Und er hat zu mir gesagt: Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig. Darum will ich mich am allerliebsten rühmen meiner Schwachheit, damit die Kraft Christi bei mir wohne. Darum bin ich guten Mutes in Schwachheit, in Mißhandlungen, in Nöten, in Verfolgungen und Ängsten, um Christi willen; denn wenn ich schwach bin, so bin ich stark. (2.Kor 11,22-31; 12,1-10)

"Wenn ich schwach bin, so bin ich stark."

"Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig" - Sie haben es bestimmt erkannt, das ist die Jahreslosung 2012. Das klingt so anders als das Wohlstandsevangelium. Das klingt so anders als "Gott schuldet mir mein Glück und wenn ich leiden muss, dann macht er seinen Job nicht"

Paulus sagt nicht nur "ich stehe das hier durch" sondern wörtlich übersetzt: "ich habe Gefallen daran". "Es gefällt mir gut, wenn ich leiden muss." Und zwar nicht, weil er irgendwie komisch drauf ist - Paulus ist kein Masochist - sondern weil er sich im Leiden mit Gott besonders verbunden weiß. Wir wissen nicht, was er meint, wenn er von dem "Pfahl im Fleische" spricht und von dem Engel, der ihn mit Fäusten schlägt, aber es hört sich sehr, sehr unangenehm an. Vielleicht litt er unter Schmerzattacken. Bei der Geschichte, die er hinter sich hat, wäre das ja kein Wunder.

Und er schreit zu Gott, den er schon so viele Wunder hat tun sehen. Paulus selbst hat ja schon ungezählte Menschen durch sein Gebet geheilt. Und darum weiß er, dass Gott ihm helfen kann und er fleht ihn an - drei Mal tut er das, weil nichts passiert, und dann antwortet Gott ihm und sagt "Nein".

"Aber Gott, ich könnte dir viel besser dienen, wenn ich dieses Problem nicht hätte! Ich könnte dir viel besser dienen ohne diese Attacken - was ist das denn für ein armseliger Zeuge deines Evangeliums, wenn er regelmäßig zusammenbricht und krank ist?" Und Gott sagt "Nein". Gott mutet ihm dieses Problem zu.

Was nun, Paulus? Lässt du dir das von Gott gefallen?

Und Paulus lässt es sich gefallen. Er hadert nicht mit Gott, sondern nimmt sein Schicksal an und ist sogar stolz darauf. Er ist kein hilfloses Opfer. Er ist stolz darauf. Er sagt: "Wenn ich schwach bin, dann ist er stark und auf nichts anderes kommt es an, als das Gott zum Zuge kommt."

Das ist nochmal ein neuer Gedanke.

Wenn du leiden musst, dann heißt das nicht, dass Gott sich von dir abgewandt hätte. Sondern er geht mit dir. Und wenn es sein muss, trägt er dich. Seine Kraft ist in den Schwachen mächtig.

Die Bibel gibt uns keine theoretische Erklärung für das Leiden. Und die würde uns wahrscheinlich als Betroffene auch nicht weiterhelfen. Stattdessen zeigt sie uns den leidenden Gott am Kreuz. Und er sagt: Wenn auch alle dich in deiner schweren Stunde verlassen, ich bleibe bei dir. Ich bin dem Leiden nicht ausgewichen, sondern ich habe es ertragen, auch für dich. Ich weiß, wie sich das anfühlt. Und ich sage dir: "Am Ende wirst du mit mir im Paradies sein."

Amen





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