Kirchengemeinde Havetoft - Predigt über Jesaja 50, 4-9


Predigt über
Jesaja 50, 4-9

 

Gehalten am 01.04.2012 von Pastor Jörg Arndt, Havetoft

Sonntag Palmarum



Bei Jesaja finden sich vier sogenannte "Gottesknechtslieder". Sie handeln von einem Auserwählten Gottes, der in seinem Auftrag predigt und dafür Leiden in Kauf nimmt. Zwei Mal sprechen die Lieder in der 3. Person über ihn, zweimal kommt der Gottesknecht in der Ich-Form selbst zu Wort. Keiner weiß genau, um wen es da eigentlich geht. Natürlich gibt es einige Theorien, aber keine überzeugt hundertprozentig. Es könnte sein, dass Jesaja über sich selbst spricht, es könnte sein, dass dieser Knecht gar keine Person ist, sondern eine Metapher für das Volk Israel und es könnte auch sein, dass es sich dabei um Prophezeiungen über Jesus handelt.

Ich persönlich glaube, dass es gar keine eindeutige Antwort gibt. Das hängt mit der Eigenart prophetischer Texte zusammen. Sie sind nämlich keine Zeitungsartikel, die eine bestimmte Begebenheit berichten, sondern verschlüsselte Botschaften Gottes. Und die können in verschiedenen Zeiten sehr wohl verschiedene Bedeutungen haben. In der Zeit, in der sie verfasst wurden - das war ungefähr ein halbes Jahrtausend vor Christus - haben sie mit Sicherheit dem Volk Israel eine Menge zu sagen gehabt. Das heißt aber nicht, dass sich nicht gleichzeitig auch Prophezeiungen auf Jesus beinhalten könnten, auch wenn man das erst viel später begriffen hat, und überdies können diese Worte im Jahr 2012 so unmittelbar in das Leben eines Menschen hinein sprechen, dass er zu glauben beginnt, sie seien extra für ihn in die Bibel hineingeschrieben worden. Der Heilige Geist macht es möglich.

Ich kann mir vorstellen, dass es auch Jesus einst mit den Gottesknechtsliedern so ergangen ist.

Er hat ja das Alte Testament gekannt. Wenn wir heute über einen Abschnitt des Propheten Jesaja nachdenken, dann haben wir es mit einem Text zu tun, den auch Jesus seinerzeit gelesen hat. Und es gab einen Zeitpunkt in seinem Leben, da hat er ihn zum ersten Mal gelesen oder gehört und seinen zukünftigen Weg darin wie in einem Bild gesehen. Besonders das letzte der Gottesknechtslieder, Jesaja 53, passt so frappierend auf sein Leiden und Sterben, dass wir es auch in diesem Jahr am Karfreitag hören werden.

Heute aber wollen wir uns mit dem 3. Lied befassen, das in Jesaja 50 steht. Ich lese uns erstmal nur den ersten Vers: Gott der HERR hat mir eine Zunge gegeben, wie sie Jünger haben, dass ich wisse, mit den Müden zu rechter Zeit zu reden. Alle Morgen weckt er mir das Ohr, dass ich höre, wie Jünger hören (Jesaja 50,4)

So eine Zunge wünsche ich mir manchmal - eine Zunge die die Fähigkeit hat, mit den Müden zur rechten Zeit zu reden. Und ich glaube, viele von Ihnen kennen das auch. Da gibt es Menschen in Ihrer Umgebung, die belastet sind, die müde sind, die trauern und man will ihnen gerne weiterhelfen, ihnen etwas Aufbauendes sagen, aber es ist so furchtbar schwer, den richtigen Zeitpunkt zu erwischen und die richtigen Worte zu finden.

Gott kann das schenken. Das rechte Wort zur rechten Zeit, das in das Leben eines Menschen hineinwirkt und ihn aufbaut. Hin und wieder erlebe ich das. Nie im voraus, aber in der Situation, im Gespräch, kommen plötzlich Worte auf meine Lippen, von denen ich denke, dass sie nicht aus mir selbst kommen. Und man muss kein Pastor sein, um das zu erleben - Gott kann sogar durch Kinder sprechen.

Im Predigttext ist die Rede von Jüngern. Wir kennen dieses Wort hauptsächlich aus dem Neuen Testament, von den Jesusgeschichten. Die Jünger Jesu waren diejenigen, die mit ihm durch die Gegend gezogen sind. Im Alten Testament taucht der Begriff nur selten auf. Wörtlich übersetzt bedeutet das hebräische Wort so viel wie "Lehrling". Die Jünger Jesu waren seine Lehrlinge. Wer von Jesus lernen will, ist ein Jünger.

Ich hätte gerne mal ein Handzeichen - wer von Ihnen ist ein Jünger Jesu?

Wer von sich sagt, dass er ein Jünger Jesu sei, sagt damit nicht, dass er ein besonders fortgeschrittener Christ wäre, sondern lediglich dass er bei ihm in die Lehre geht. Wenn einer sagt "ich lerne Maurer", dann sagt das ja auch noch nichts über sein Können aus. Er kann erst seit einem Tag Lehrling sein oder kurz vorm Ende der Ausbildung stehen, er kann ein super Talent haben oder sich mit Ach und Krach durchschleppen - in jedem Fall ist er ein Lehrling oder meinetwegen ein "Azubi".

Bei Jesus lernen wir allerdings kein Handwerk, obwohl er ja Handwerker war, bei ihm lernen wir die Kunst, Mensch zu sein. Wir lernen bei ihm die Kunst, ein Leben zu führen, an dem Gott seine Freude hat. Und wir gestatten es ihm, uns zu verändern, Einfluss zu nehmen auf unser Herz, auf unser Denken, auf unser Reden und auf unser Hören.

Nochmal Jesaja: Gott der HERR hat mir eine Zunge gegeben, wie sie Jünger haben, dass ich wisse, mit den Müden zu rechter Zeit zu reden. Alle Morgen weckt er mir das Ohr, dass ich höre, wie Jünger hören. Gott der HERR hat mir das Ohr geöffnet. Und ich bin nicht ungehorsam und weiche nicht zurück. (Jesaja 50,4-5)

Wie ist das bei uns eigentlich mit dem Hören am Morgen? Wie beginnt unser Tag? Schaffen wir es, uns Zeiten zu reservieren, um auf Gott zu hören oder sind wir ständig im Katastrophenmodus?

Das Wort habe ich gerade neu gelernt: Katastrophenmodus.

Wenn dein Haus in Flammen steht, dann hast du keine Zeit für Stille, sondern da gibt es ein dringliches Problem, um das du dich kümmern musst, und zwar sofort. Der Körper reagiert darauf, der Adrenalinspiegel geht hoch und plötzlich stehen ungeahnte Kräfte zur Verfügung. Das Schmerzempfinden lässt nach, Hungergefühle haben wir auch keine mehr - alle Energien werden mobilisiert, um mit der drohenden Katastrophe fertig zu werden. Dieser Katastrophenmodus ist eine gute und sinnvolle Gabe Gottes. Ohne den hätten wir die Steinzeit nie überlebt. Sobald Gefahr droht, stellt der Körper alles zur Verfügung, was er hat, um entweder zu kämpfen oder wegzulaufen.

Wenn wir uns allerdings ständig im Katastrophenmodus befinden, dann haben wir ein Problem. Wenn wir sozusagen ständig nur mit dem Feuerlöscher in der Hand unterwegs sind, wenn wir jeden Tag schon beim Aufwachen unsere Aufgabenliste vor Augen haben, verbunden mit der Panik, das wir das alles unmöglich schaffen können und wenn wir uns Tag für Tag wie in einem Hamsterrad abstrampeln - je schneller wir laufen, desto schneller dreht sich alles - dann machen wir etwas falsch und werden früher oder später Schaden nehmen.

Ich kenne beides - den Katastrophenmodus und die Stille am Morgen.

Wenn wir das Leben Jesu betrachten - und als Jünger Jesu, als seine Lehrlinge wollen wir ja von ihm lernen und das nachmachen, was der Meister uns vormacht - dann stellen wir fest, dass er sich immer wieder in die Stille zurückgezogen hat.

Nach seiner Taufe, bei der Gott ganz deutlich zu ihm gesprochen hat "Du bist mein geliebter Sohn", ist Jesus nicht sofort als Wanderprediger losgezogen, sondern erstmal 40 Tage in die Wüste gegangen.

Bevor er den inneren Kreis der Jünger berufen hat, die 12 Apostel, hat er eine ganze Nacht im Gebet verbracht.

Am Anfang seiner Tätigkeit, in Kapernaum, hat er viele Menschen geheilt und von bösen Geistern befreit - mit der Folge, dass immer mehr Leute zu ihm kamen. Seine Jünger waren schon im Katastrophenmodus, weil sie nicht wussten, wie sie den Ansturm bewältigen sollten. Und plötzlich war Jesus verschwunden. Er hat sich in die Stille zurückgezogen um zu beten, damit er nicht von den anfallenden Aufgaben gesteuert wird, sondern offen bleibt für das Reden Gottes. Und das hatte zum Ergebnis, dass er den erfolgreich begonnenen Heilungsdienst nicht weitergeführt hat, sondern weitergezogen ist, um auch in anderen Dörfern zu predigen.

In der Nacht vor seiner Gefangennahme, im Garten Gethsemane, als er genau wusste, was auf ihn zukam, hat er sich in die Stille zurückgezogen und gebetet - das war seine Kraftquelle, um mit dem fertig zu werden, was auf ihn zukommt. Das ist es, was Jesus uns vorgelebt hat.

Ich lese weiter aus Jesaja 50:

Gott der HERR hat mir das Ohr geöffnet. Und ich bin nicht ungehorsam und weiche nicht zurück. Ich bot meinen Rücken dar denen, die mich schlugen, und meine Wangen denen, die mich rauften. Mein Angesicht verbarg ich nicht vor Schmach und Speichel. Aber Gott der HERR hilft mir, darum werde ich nicht zuschanden. Darum hab ich mein Angesicht hart gemacht wie einen Kieselstein; denn ich weiß, dass ich nicht zuschanden werde.
Er ist nahe, der mich gerecht spricht; wer will mit mir rechten? Lasst uns zusammen vortreten! Wer will mein Recht anfechten? Der komme her zu mir! Siehe, Gott der HERR hilft mir; wer will mich verdammen? Siehe, sie alle werden wie Kleider zerfallen, die die Motten fressen. (Jesaja 50,5-9)


Hier kommt das Leiden in den Blick. Wie weit reicht unsere Bereitschaft, Gott zu folgen? Wo ist der Punkt, an dem wir sagen: bis hierher und nicht weiter?

Unsere Medien haben das jahrzehntelange Schweigen über die Christenverfolgungen in aller Welt gebrochen, und das ist gut so. Mittlerweile liest man nicht nur in speziellen Zeitschriften etwas darüber, wenn mal wieder Christen entführt oder erschossen werden. Und das übrigens nicht nur in islamischen Ländern, in denen es strafbar ist, sich vom Islam abzuwenden und etwa Christ zu werden.

Ich habe vor kurzem gelesen, dass Menschen, die sich in Südasien taufen lassen wollen, 7 Fragen beantworten müssen, die ihnen klar machen sollen, was auf sie zu kommt, wenn sie in ihrem hinduistischen Umfeld als Christen leben wollen. Sie lauten:

  • Bist du bereit, deine Familie zu verlassen und den Segen deiner Eltern zu verlieren?

  • Bist du bereit, deinen Job zu verlieren?

  • Bist du bereit, mit deinem Glauben an die Öffentlichkeit zu gehen, denen zu vergeben, die dich verfolgen, und die Liebe Christi mit ihnen zu teilen?

  • Bist du bereit, dem Herrn Opfer zu bringen?

  • Bist du bereit, dich eher schlagen zu lassen, als den Glauben zu verleugnen?

  • Bist du bereit, ins Gefängnis zu gehen?

  • Bist du bereit, für Jesus zu sterben?

  • Ein Wunder, dass sich da überhaupt Menschen taufen lassen!

    Glücklicherweise ist das Thema Christenverfolgung für uns hier im Land nicht aktuell. An dieser Front haben wir in Deutschland seit 70 Jahren Ruhe - das kann sich natürlich auch wieder ändern. Aber im Moment sind unsere Herausforderungen andere, als die, gegen äußere Gewalt zu bestehen.

    Wir müssen unser Christsein leben in einer Welt, die sich nicht mehr für Gott interessiert. Wir müssen mit dem Wohlstand fertig werden, der uns umgibt und unsere Seele fesseln will. Wir müssen lernen, eine enorme Flut von Freizeitangeboten zu filtern und unseren Glauben darin nicht untergehen zu lassen. Wir müssen vielen elektronischen Verführungen widerstehen - Fernsehen, Internet, die uns unsere Zeit rauben wollen und unsere Seele beschmutzen.

    Und bei all dem sollen wir an Jesus festhalten und sollen von ihm lernen. Bei all dem sollen wir anderen Menschen von ihm erzählen. Und wir sollen Menschen trösten, die ausgebrannt und belastet sind. Dazu brauchen wir langen Atem, Selbstbeherrschung und unendliche Liebe.

    Der Schlüssel dazu ist das Hören wie ein Jünger hört. Der Schlüssel dazu ist die Stille vor Gott.

    Ich schließe mit einer kleinen Geschichte, die mich angesprochen hat:

    Von Rabbi Naftali von Robschitz ist folgender Ausspruch über ein inneres Gespräch am Morgen überliefert: "Wenn ich mich in meiner Kindheit anschickte, früh zum Morgengebet aufzustehen, dann kam die böse Neigung zu mir und flüsterte mir liebevoll ein: "Warum beeilst du dich so? Draußen ist ja noch Nacht. Außerdem ist es heute sehr kalt. Lass dir Zeit. Schlafe noch ein wenig!" Dann wandte ich mich gegen sie und sagte zu ihr: "Rede doch nicht so daher! Du bist ja selbst schon voll bei der Arbeit!"



    Amen

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