Kirchengemeinde Havetoft - Predigt über Hebräer 9,15.26b-28


Predigt über Hebräer 9,15.26b-28

 

Gehalten am 06.04.2012 von Pastor Jörg Arndt, Havetoft

Karfreitag


Es ist schrecklich, wenn ein Mensch stirbt, der einem sehr nahe gestanden hat.

Plötzlich klafft eine Lücke im Leben und man weiß im ersten Moment gar nicht, wie es weitergehen kann, wie man ohne diesen Menschen überhaupt leben soll. Am Anfang ist erstmal ein großes schwarzes Loch, ist Trauer und Verzweiflung.

Bei alldem spielen auch die näheren Umstände des Todes eine wichtige Rolle. Es ist nicht einerlei, ob ein junger oder ein alter Mensch stirbt, ob man sagen kann, "der hat sein Leben gelebt" oder ob man gar nichts zu sagen weiß, weil alles so sinnlos erscheint.

Es macht einen Unterschied, ob jemand stirbt, der lange krank gewesen ist und sich nach seinem Ende gesehnt hat, weil das die einzige Hoffnung war, die ihm noch geblieben ist: sterben zu dürfen, nicht mehr leiden zu müssen, Ruhe zu finden. Oder ob jemand ganz plötzlich aus dem Leben gerissen wird, durch einen Unfall oder einen Herzinfarkt, und man keinerlei Vorbereitungszeit hatte - eben war er noch da, eben haben wir noch miteinander gesprochen, und nun ist er weg. Für immer. Das ist schon hart.

Außerdem ist es wichtig, wie jemand stirbt, ob er sich quälen musste, ob er Schmerzen hatte oder ob er friedlich eingeschlafen ist. Viele Angehörige, die in der Leichenhalle Abschied nehmen, trösten sich damit, dass der Verstorbene jetzt friedlich und entspannt aussieht.

Wenn ich all diese Erfahrungen, die ich in der Begleitung sterbender und trauernder Menschen im Laufe meines Pastorendienstes gesammelt habe, zusammenfasse, dann komme ich zu dem Schluss, dass die Freunde Jesu total fertig gewesen sein müssen.

Sie haben Jesus geliebt. Er war ihr Lehrer, ihr großes Vorbild. Und er ist ein wunderbarer Mensch gewesen. Diese Liebe, die er ausgestrahlt hat, diese Art, sich um Menschen zu kümmern, die sonst von anderen übersehen werden - Blinde, Leprakranke, Besessene, arme Sünder - diese ungewöhnliche Art von Gott zu erzählen, so völlig ohne Zweifel, ohne Spekulationen, wie nur jemand reden kann, der Gott persönlich kennt. Diese Weisheit, mit der er selbst die gelehrtesten Männer immer wieder dumm dastehen ließ, diese Vollmacht, mit der er im Namen Gottes gehandelt hat und selbst einen Sturm zum Verstummen brachte, das war schon gewaltig. Und bei all dem war er so bescheiden und genügsam. Hat vom Betteln gelebt. Hat unter freiem Himmel geschlafen. Hat seinen Jüngern eigenhändig die Füße gewaschen. Jesus war ein einzigartiger Mensch. Und er hat das Leben seiner Freunde total verändert.

Nie hätten sie gedacht, dass er so früh sterben muss, er war doch erst Anfang dreißig. Darum wollte sie auch nichts davon wissen, als er versucht hat, sie darauf vorzubereiten, als er ihnen prophezeit hat, was auf ihn und sie zukommen wird.

Welch ein Schock muss es gewesen sein, als die Gestapo mitten in der Nacht kam und ihn mitgenommen hat. Diese Angst - Angst um ihn und Angst darum, selbst gefangengenommen zu werden.

Und Vorwürfe haben sie sich gemacht - wenn sie doch in seiner letzten Stunde nicht geschlafen hätten. Er hatte doch zu ihnen gesagt: "Wachet und betet". Aber sie waren so müde vom langen Tag und dem leckeren Festmahl. Wenn sie doch gebetet hätten, dann wäre das vielleicht alles nicht passiert! Oder wenigstens wäre er nicht allein gewesen in seiner Not.

Und zornig waren sie. Auf Judas, diesen Verräter. Wie konnte er soetwas tun! Wie konnte er diesen Menschen an die Feinde ausliefern!

Es muss schrecklich für sie gewesen sein, mit anzusehen, wie Jesus durch die Straßen getrieben wurde. Die johlende Menge zu hören, die für Barabbas geschrien hat, anstatt für Jesus. Die Gerüche von Schweiß und Blut. Mitzuerleben wie der Gottessohn das schwere Holz auf seinen Schultern trägt, die Peitschenhiebe bekommt und die Dornenkrone mit ihren zentimeterlangen Stacheln erduldet.

Und dann schließlich das Kreuz. Diese unsagbaren Qualen. Nägel durch Hände und Füße. Hilflosigkeit. Sie stehen daneben und sehen zu, wie Jesus um jeden Atemzug kämpfen muss und können irgendwann nur noch hoffen, dass es bald zu Ende sein möge.

Warum? Warum musste ausgerechnet er so sterben? Warum hat Gott ihm nicht geholfen? Wie konnte er das zulassen, wo Jesus ihm doch sein ganzes Leben geweiht hat?

Die Frage nach dem Warum stellt sich immer, wenn ein Mensch allzu früh sterben muss. Es ist eine gefährliche Frage, weil sie praktisch nie beantwortet wird und über die Grübelei leicht in den dunklen Abgrund der Depression führt. Gott gibt uns keine Rechenschaft über sein Tun.

Aber in diesem Fall, was Jesus angeht und sein Sterben am Kreuz, da zeigt uns die Bibel die Hintergründe des Geschehens.

Denn hier offenbart sich nicht nur die ganze Grausamkeit des Menschen und die Lust des Teufels am Quälen und Zerstören. Das ist nur die Vorderseite des Geschehens. Viel entscheidender ist das, was hinter den Kulissen passiert. Hier vollzieht sich ein historisches Ereignis von einer Tragweite, die sich kaum ermessen lässt, und ich habe den Eindruck, dass diese ganze Brutalität dazu dienen sollte, Jesus von seinem Weg abzubringen, ihn im letzten Moment doch noch schwach werden zu lassen, damit er nicht zu Ende bringt, was er angefangen hat, sondern Kraft seiner göttlichen Vollmacht vom Kreuz herabsteigt.

Der für heute vorgeschlagene Predigttext gewährt uns einen Blick hinter die Kulissen. Im Brief an die Hebräer heißt es:

Christus ist der Mittler des neuen Bundes, damit durch seinen Tod, der geschehen ist zur Erlösung von den Übertretungen unter dem ersten Bund, die Berufenen das verheißene ewige Erbe empfangen. (.)

Nun aber, am Ende der Welt, ist er ein für allemal erschienen, durch sein eigenes Opfer die Sünde aufzuheben. Und wie den Menschen bestimmt ist, einmal zu sterben, danach aber das Gericht: so ist auch Christus einmal geopfert worden, die Sünden vieler wegzunehmen; zum zweiten Mal wird er nicht der Sünde wegen erscheinen, sondern denen, die auf ihn warten, zum Heil.
(Heb 9,15.26b-28)

Was heißt das?

Um das zu verstehen, muss man sich zwei Dinge klarmachen:

1.) Gott liebt das Recht. Die Bibel sagt, dass er der oberste Richter ist. Er ist also derjenige, der unwiderruflich entscheidet, ob jemand richtig gehandelt hat oder nicht, ob er bestraft oder freigelassen wird. Darum ermahnt er sein Volk auch immer und immer wieder das zu tun, was recht ist. Sich an die Gebote zu halten, die Armen und Schwachen nicht zu benachteiligen und und und. Gott ist absolut gerecht.

2.) Es wird mehrfach in der Bibel berichtet, dass Gott einen Bund mit einzelnen Menschen oder auch mit einem ganzen Volk schließt.

So ein Bundesschluss ist etwas ganz Gewaltiges. Normalerweise gehört er in den Rechtsverkehr zwischen zwei Gleichrangigen. Etwa zwei Königen. Wenn die miteinander einen Bund schließen, dann ist das etwas, auf das man sich felsenfest verlassen kann. Und um das deutlich zu machen, gehören bestimmte Rituale dazu.

Meistens wird ein Opfertier geschlachtet, um zu veranschaulichen: demjenigen, der den Bund bricht, soll es so gehen wie diesem geschlachteten Tier. Oft werden Gedenkzeichen aufgestellt, zB große Steine. So fest und unumstößlich wie diese Gedenksteine soll der geschlossene Bund auch sein. Und es wird miteinander ein Festmahl gehalten, um den Bund zu besiegeln.

Wir merken: So ein Bund ist weit mehr als ein bloßer Vertrag, er ist etwas Heiliges. In unserem Rechtssystem gibt es nichts Vergleichbares, außer vielleicht den Eid. Man ist ohnehin vor Gericht zur Wahrheit verpflichtet, aber wenn man unter Eid steht, noch umso mehr. Man muss geschlossene Verträge ohnehin einhalten, aber wenn man auf etwas vereidigt wurde, dann hat es noch wesentlich größeres Gewicht.

Also: Gott, der Schöpfer des Himmels und der Erde, lässt sich dazu herab, mit den Menschen Bünde zu schließen, obwohl man hier nun wirklich nicht von gleichrangigen Partnern sprechen kann. Zum Beispiel gibt es den Bund des Noah, das ist der erste Bund, den die Bibel erwähnt. Gott sagt: "Ich hätte natürlich die Macht, diese Erde zu zerstören, aber ich lege mich hiermit darauf fest, dies nicht zu tun. Es wird nie wieder eine Sintflut geben. Und ich gebe auch ein Zeichen dafür: den Regenbogen." Gott legt sich freiwillig fest, ohne eine Gegenleistung der Menschen zu verlangen. Er befiehlt ihnen zwar, kein Menschenblut zu vergießen, aber der Bund hängt davon nicht ab. Er bleibt auch dann bestehen, wenn die Menschen sich gegenseitig umbringen, was sie ja auch tun.

Anders sieht es bei dem Bund aus, der im Predigttext der "erste Bund" genannt wird. Damit ist der Bundesschluss zwischen Gott und den Israeliten gemeint. Die Abmachung war eindeutig: ihr haltet euch an meine Gebote und ich werde euch segnen und beschützen. Wie wir wissen, hat das nicht allzu gut geklappt.

So einleuchtend und klar Gottes Gebote auch sind, so schwach ist der Mensch auf der anderen Seite auch. Und dazu ist er noch ein Meister im Selbstbetrug. Meistens wollen wir nicht gerne einsehen, dass wir Sünder sind - wir haben ja keinen umgebracht und sind auch sonst keine Kriminellen - aber der Schein trügt.

Natürlich ist Mord eine schwere Sünde, je nach Umständen vergleichbar mit einem großen, schweren Felsblock. Und wir sehen darauf und sagen: nein, es gibt keinen solchen Felsen in meinem Leben. Deshalb kann ich auch kein wirklicher Sünder sein, der es nötig hat, dass Jesus für ihn ans Kreuz gegangen ist. Da gibt es höchstens den einen oder anderen großen Stein. Da wo ich mal gelogen habe oder wo ich daran beteiligt war, ein übles Gerücht über jemanden zu verbreiten. Aber der Stein kann nicht allzu groß sein, schließlich habe ich es nicht mit Absicht gemacht und auch nichts erfunden, ich habe nur weitererzählt, was ich von jemand anders gehört habe.

Und den Namen Gottes nicht missbrauchen: es kann doch nicht so schlimm sein, mal "oh Gott" zu sagen, das tun doch alle. Höchstens ein Sandkorn ist das. Den Feiertag heiligen - ist denn damit was anderes gemeint als lange zu schlafen? Ein paar Sandkörner sind das höchstens, nicht mehr.

Und Ehebruch - Sex mit einer Frau zu haben, mit der ich nicht verheiratet bin, kann das denn Sünde sein? Oder Bilder anzuschauen, die andere beim Sex zeigen? Und das bisschen Neid auf andere, das bisschen Begehren auf das was einem anderen gehört, die Lieblosigkeiten und mein Unvermögen zu vergeben - höchstens Sandkörner sind das, verglichen mit dem großen Felsen des Mordes.

Mag vielleicht sein. Aber wenn man die Sandkörner eines ganzen Lebens zusammenzählt, wird man vermutlich über deren Gewicht erschrecken. Ein Lastwagen mit 20 Tonnen Sand hat letztlich nur Sandkörner geladen und dennoch wiegen sie mehr als der eine große Felsen, von dem wir zu Recht sagen, dass er in unserem Leben nicht vorkommt.

Und weil Gott ein gerechter Richter ist, kann er die Sünde nicht einfach ignorieren.

Wir sind auch bei irdischen Richtern empört, wenn sie es tun. Wenn einer kleine Kinder vergewaltigt und umgebracht hat, darf er nicht mit einer Bewährungsstrafe davon kommen, nur weil er eine schwere Kindheit hatte. Das empfinden wir als ungerecht.

Also müsste Gott uns alle in die Hölle schicken. Das wäre gerecht. Und der Teufel als der himmlische Staatsanwalt klagt das auch ein. Er sagt: diese Seelen haben gesündigt, die gehören mir.

Und nun kommt der neue Bund. Jesus stirbt am Kreuz. Er, der unschuldig ist, lässt sich hinrichten und schafft damit Sühne für die Sünden unzähliger Menschen. Die Abmachung ist ganz einfach: Wer glaubt, dass Jesus Gottes Sohn ist und ihm folgt, der wird durch seinen Opfertod von den Sünden befreit. Sie sind weg. Egal wie groß oder klein sie waren.

Und wie wir gehört haben, steht dieser Bund felsenfest. Gott hat sich darauf festnageln lassen. Die Tür steht offen - nur hindurchgehen müssen wir.

Das ist das Warum des schrecklichen Todes Jesu am Kreuz.

Er hat es aus Liebe getan. Er hat in seinem Leiden die Milliarden Menschen gesehen, die durch ihn Hoffnung und Vergebung ihrer Sünden haben.

Er hat auch dein Bild vor Augen gehabt. Er ist auch für dich in den Tod gegangen. Damit Du das ewige Leben hast.

Amen.

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